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Saartalk zum Thema Rassismus

Saartalk : Rassismus – das ist nicht nur offene Gewalt

Ein politisches Thema wird persönlich: Im Saartalk diskutieren die Teilnehmer nicht nur theoretisch über Anfeindungen wegen ihrer Hautfarbe.

Latifah Cengel hat langes schwarzes Haar, zu kleinen Zöpfen gedreht. Als die junge Frau am Donnerstag beim Saartalk von SZ und SR erklärt, was ihr Haar mit Rassismus zu tun hat, wird klar, wie vielschichtig und tief das Problem ist, über das auch hierzulande seit dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd in den USA viel gesprochen wird. Ein Beispiel für Rassismus sei eben auch, „dass Menschen mir ungefragt in die Haare greifen“, sagt Cengel, „oder meinen Arm anfassen und sagen, ‚oh, du hast aber einen schönen Ton, der ist ja nicht so dunkel“. Die Aktivistin gegen Diskriminierung, die die Anti-Rassismus-Demos in Saarbrücken Anfang Juni mitorganisiert hat und ein T-Shirt der weltweit entstandenen Bewegung „Black Lives Matter“ trägt, berichtet zugleich sachlich und eindringlich von „Übergriffigkeit“ durch Menschen, „was sie bei anderen, weißen Menschen niemals tun würden“.

Die Sendung mit dem Titel „Rassismen und Ressentiments – wie kann der Exit klappen?“, moderiert von  SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst und SR-Chefredakteurin Armgard Müller-Adams, lässt ein politisches Thema auch persönlich werden. Alle Gäste eint die Erfahrung mit Anfeindungen wegen ihrer Hautfarbe, alle kämpfen auf unterschiedliche Weise dagegen an.

Lamine Conté, Sprecher des Integrationsbeirats Saarbrücken und ebenfalls Mitorganisator der Demos, führte ein persönliches Erlebnis dazu, den Verein Haus Afrika zu gründen. Vor mehr als 20 Jahren attackierte ihn ein Mann mitten auf dem St. Johanner Markt – mit Gewalt durch Worte. „Ich war total schockiert“, sagt Conté. Er suchte das Gespräch, als das nicht half, kündigte er an, die Polizei zu rufen: „Da sagte er, ‚du, wenn du ein Jude wärst, hätte ich ein Problem, aber du bist nur ein Scheiß Neger, hau ab“.

 Rassismus sei Wort und Tat – so auch bei dem Angriff auf einen Studenten aus Gabun Anfang Juni in Saarbrücken. Der Fall sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit – und für Entsetzen bei Karamba Diaby, der in der Sendung zugeschaltet ist. Der SPD-Politiker aus Halle und aktuell einzige schwarze Bundestagsabgeordnete, auf dessen Büro Anfang des Jahres ein Anschlag verübt wurde, nennt die Tat erschütternd und traurig, „weil sie die Liste rassistischer Anfeindungen verlängert, die in unserem Land passieren“.  Die Gesellschaft müsse sie wahrnehmen, „aufhören, von Ausländerfeindlichkeit zu sprechen, das ist rassistische Gewalt“ – und handeln. Dass die Bundesregierung einen Ausschuss gegen Rassismus installiert hat, sei zum Beispiel ein wichtiger Schritt.

Aber es müsse noch mehr geschehen, sagt Cengel. Hinsehen und helfen, im Umfeld, auf der Straße. Wichtig sei auch, „dass weiße Menschen einschreiten und uns unterstützen“. Mehr Förderung antirassistischer Initiativen fordert Diaby, der selbst von Morddrohungen und Hass vor allem in Netz berichten kann. Es sei wichtig, dem entgegenzutreten, zu zeigen, „dass der Rechtsstaat da ist“.

Nötig sei auch mehr Sensibilisierung, sagt Conté, dessen Verein sich auch um Jugendprojekte gegen Rassismus kümmert. „Rassismus hat mehrere Gesichter“, sagt Conté. „Es gibt offenen und versteckten“. Offener Rassismus geschehe etwa „durch Gewalt“. Für Conté ist aber die andere Form die gefährlichste, „die versteckt läuft, in Behörden, Gesellschaft, Politik und so weiter“. Diese „unsichtbare Hand, die eine bestimmte Gruppe von Menschen ausschließt, aufgrund ihrer Hautfarbe“, ist seine Antwort auf die Frage, woran „Alltagsrassismus“ – ein erschreckender Begriff – eigentlich zu erkennen sei.

 Ist eine notwendige  Änderung auch die Streichung des „Rasse“-Begriffs aus dem Grundgesetz, die derzeit ebenso auf der politischen Agenda steht? Diaby findet ja, da es unterschiedliche Rassen bei Menschen „nicht gibt“, was wissenschaftlich belegt sei. Der Begriff sei durch Alternativen zu ersetzen.

Cengel sieht die aktuelle Aufmerksamkeit für ihr Thema positiv – ob in den weltweiten Demos gegen Rassismus oder dem öffentlichen Interesse – „aber ich mache mir Sorgen, wie lange das so bleibt“, sagt die Aktivistin, die gerade einen Verein für Jugendliche „aus marginalisierten Gruppen“ gründet.

Die Zeit für Veränderungen sieht auch Migrationsforscher Mark Terkessidis gekommen, der strukturellen Rassismus nicht nur in den USA verortet. Er regt per Video-Einspieler zudem an, Integration durch Interkultur zu ersetzen. Der „Perspektivwechsel“ erkenne die Vielheit der Gesellschaft an. Anpassen durch Zusammenkommen zu ersetzen, das findet auch in der Runde Zustimmung. Allerdings, schränkt Conté ein, reichten Begriffe nicht aus. Wichtig sei, dass etwas passiere. Zu lange habe Deutschland den Rassismus nicht ernstgenommen.