Saarbrücker Sektion feiert 150 Jahre Deutscher Alpenverein.

Saarbrücker Traditionsverein : Glück, Demut, Todesangst und Kameradschaft

Die Saarbrücker Sektion des Deutschen Alpenvereins sieht den Verband in seinem 150. Jahr auch in der Verantwortung für die Umwelt

Jo Schindelhauer-Deutscher war nicht dabei. Niemand, der damals dabei war, lebt noch. Aber der Mann vom Alpenverein und Skiclub Saarbrücken (ASS) kann gut verstehen, was die 36 Männer so faszinert hat, die sich am 9. Mai 1869 in einem Münchner Lokal trafen, um den Bildungsbürgerlichen Bergsteigerverein zu gründen. Eine Gruppe, aus der später der Deutsche Alpenverein (DAV) wurde, zu dem auch Schindelhauer-Deutschers ASS gehört.

1869, erklärt Schindelhauer-Deutscher, war „das Jahr, dem in immer kürzeren Abständen bis heute als heroisch angesehene Erstbesteigungen von Alpengipfeln vorausgingen“. Edward Whymper und Peter Taugwalder waren vier Jahre zuvor als erste Menschen auf dem Gipfel des Matterhorns. Dass der Abstieg  „in einem bis heute legendären Bergdrama“ endete, bei dem „vier Seilgefährten nach einem Seilriss in den Tod stürzten“, wie Schindelhauer-Deutscher sagt, hat der Faszination fürs Gebirge nicht geschadet. Im Gegenteil: „Mit jeder weiteren Erstbesteigung durch zuweilen tollkühne Bergsteiger wuchsen insbesondere in der bürgerlichen Bevölkerung die Begeisterung für die Berge und der Wunsch nach einer touristischen Erschließung der Alpen.“

Bis der Alpenverein auch in Saarbrücke eine Sektion hatte, vergingen allerdings noch einmal 34 Jahre. Heute ist der ASS, gegründet 1903, eine von drei eigenständigen Sektionen im Saarland. Die saarländischen Bergsteiger legten dann aber schnell los. Bereits 1911 war ihre „Saarbrücker Hütte“ in der österreichischen Silvretta fertig. „Bis heute gilt sie für Bergenthusiasten – geographisch und politisch natürlich nicht korrekt – als höchster Punkt des Saarlandes“, sagt Schindelhauer-Deutscher. Dass ausgerechnet einer der beiden Hausberge der Saarbrücker Hütte, das Große Seehorn, im August 1869 erstbestiegen wurde, sei aus Saarbrücker Sicht „eine passende Randnotiz zum DAV-Jubiläum“.

Mehr als eine Randnotitz ist aus Sicht des ASS Franz Merziger. „Ab 1909 spielte er 37 Jahre lang eine überaus verdienstvolle Hauptrolle im Verein“, erinnert Schindelhauer-Deutscher. Merziger hat auch einige Erinnerungen aus den Anfangsjahren aufgeschrieben. Zum Beispiel, dass es in Saarbrücken kein Geschäft gab, das Bergschuhe besohlen konnte und die Alpinisten das in München erledigen lassen mussten. Von Merziger wisse man auch, dass  die Wintersportler auch vor fast 100 Jahren schon über Schneemangel klagten.

Von Anfang an, sagt Jo Schindelhauer-Deutscher, hatten die Alpinisten „mit den gleichen Problemen und Widersprüchen zu kämpfen, die jede touristische Aktivität in den Alpen bis heute zwangsläufig mit sich bringt“. „Hütten sollten nur bergsteigerischen Interessen dienen, überflüssiger Komfort auf den Hütten wurde abgelehnt. Ruhe, Ursprünglichkeit und ungestörter Naturgenuss sollten in den Alpen bewahrt werden und die hochalpinen Regionen nur den Bergsteigern vorbehalten bleiben“, sagt der ASS-Chronist.

„Klimaveränderung, Abschmelzen der Gletscher, Gefahren durch Lawinen- und Murenabgänge, fast ganzjähriger touristischer Massenbetrieb, Zerstörung einstmals idyllischer Naturlandschaften durch Straßen und überdimensionierte Hotelbauten, wachsende Anspruchshaltung nach einem Rundum-Sorglos-Komfort bei vielen Besuchern selbst höchst gelegener Berghütten“, seien die Probleme heute. Dazu kamen Trend- und Funsportarten: Snowboarden, Snowbiken, Crossbladen, Paragliding, Mountainbiking und Boldern - und mit ihnen Konflikte.

150 Jahre DAV seien also auch „eine Mahnung und Verpflichtung, das Ökosystem Alpen als ebenso zerbrechliches wie schützenswertes Geschenk zu betrachten und zu bewahren, was davon noch übrig ist“. „Ein bisschen mehr Bescheidenheit und Demut bei jedem Besucher dieser Berge kann dabei nur gut tun“, glaubt Jo Schindelhauer-Deutscher. Und faszinierend sei die Bergwelt, obwohl dort inzwischen mehr los ist, heute wie vor 150 Jahren, denn: „Stolz, Glück, Staunen, Demut, Dankbarkeit, Bescheidenheit, Nervenkitzel, Todesangst, Kameradschaft, welcher Bergsteiger oder Bergwanderer hat dies nicht schon einmal empfunden?“

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