Kolumne: so kann’s gehen : Wisch mich (nicht) weg

Eine Zugfahrt bietet manchmal überraschende Einblicke in das Leben der Anderen.

Neulich im Zug zwischen Köln und Düsseldorf. Zwei mitteljunge Männer nehmen schräg vor mir Platz. Schick, trendy, sehen so aus, wie man heute so auszusehen hat als urbaner Mann von Mitte 30. Sie sitzen noch nicht richtig, da haben sie natürlich schon die Handys gezückt. Und weil ich so günstig sitze, habe ich einen prima Blick aufs Display. Und damit einen Einblick in das ganze Dilemma moderner Beziehungen.

Es dauert einen Augenblick, bis ich realisiere, dass der eine von beiden offenbar ein sogenanntes Dating-Portal geöffnet hat. Also – für die Älteren unter uns – eine dieser Internet-Seiten, auf denen Menschen Menschen suchen, die sie vielleicht lieben können. Aber es muss natürlich der perfekte Mensch sein, ist ja klar.

Der eine mitteljunge Mann also hatte das Handy in der Hand und wischte. Er wischte von Bild zu Bild, von der Blondine zur Brünetten, von voll bekleidet zu Bikini (erstaunlich, wie manche Frauen sich auf solchen Portalen präsentieren). Der andere schaute dabei zu, sie kommentierten und amüsierten sich prächtig. Und sie wischten junge Frauen im Sekundentakt ins Abseits. Kommt ja vielleicht noch was Besseres. Ehrlich gesagt hatte es etwas unsagbar Trauriges, dieses Wegwischen.

Ich habe dann nicht mehr hingeschaut, es wird ja auch irgendwann langweilig. Aber nach ein paar Minuten huschte mein Blick natürlich doch wieder rüber. Da hatte sich allerdings das Bild auf dem Handy verändert. Der mitteljunge Mann hatte eine andere Seite geladen. Die Seite eines großen Online-Händlers nämlich. Und er wischte sich jetzt von Lederjacke zu Lederjacke. Wisch, wisch. Welche gefällt mir besser? Es war bizarr, da, wo vorher junge Frauen zu sehen waren, jetzt mit der selben Handbewegung Jacken verschwinden zu sehen. Und es sagte mehr als tausend Analysen darüber aus, wieso heute so viele Menschen allein sind.