| 21:10 Uhr

Kolumne
Zwischen Bleigießen, Böllern und Besoffenen

Kommentarkopf Sand Isabel
Kommentarkopf Sand Isabel FOTO: Robby Lorenz / SZ
Die Party des Jahres? Von wegen. Silvester ist nie so, wie man es sich vorstellt. Endweder man langweilt sich zu Tode oder muss hoffen, nicht von einer Rakete getroffen zu werden.

Die Luft hängt voller Rauchschwaden. Es kracht und bollert, Menschen schreien, grölen. Schüsse in den Nachthimmel. Gestank und Geböller. Silvester liegt in der Luft. Alle Jahre wieder ereilt uns die archaische Tradition, immer einhergehend mit der Frage: Und was machst du an Silvester? Dabei läuft es doch jedes Jahr gleich ab: Man erwartet die Party des Jahres, und in der Realität langweilt man sich zwischen Bleigießen, Böllern und Besoffenen zu Tode und hofft darauf, nicht von einer verirrten Rakete getroffen zu werden. Egal ob wilde Abrissparty oder ein gemütlicher Abend im Kreise guter Freunde, Silvester ist nie so, wie man es sich vorgestellt hat. Und meist alles andere als ein rauschendes Fest. Vielmehr ist es zu einem ungeliebten gesellschaftlichen Ereignis verkommen: dem Tag an dem alle feiern müssen, ob sie in Stimmung sind oder nicht. Wunderkerzen an, gute Laune auf Knopfdruck. Zugegeben, ist die Bowle gut, kann man sich anfangs noch mit Gesellschaftsspielen, wie sie bei sogenannten Sitzpartys – Partys bei denen man nur rumsitzt und bei gedämpfter Musik mehr oder minder anregende Gespräche führt – üblich sind, bei Laune halten. Auch das Lesen der Zukunft aus Bleifiguren hat einen gewissen Unterhaltungswert. Aber spätestens wenn man alle aufgeweichten und klebrigen Früchte aus der Bowle gefischt hat und resigniert feststellt, dass es erst 22 Uhr ist, kippt die Stimmung. Besser man geht gleich zum Sekt über.



Dann Hektik. Die Sekunden werden im Kanon runtergezählt, um dann mit sämtlichen Partygästen das obligatorische Küsschen auszutauschen. Schnell den schon lauwarmen Sekt runterkippen, das Handy im Anschlag, um sofort allen Nichtanwesenden Prost Neujahr per Whatsapp zu wünschen. Zwischendurch bei meist eiskaltem Niesel- oder Schneeregen in den Himmel starren und Ahs und Ohs als Gefallensbekundung äußern. So lange, bis um 0.04 Uhr das Raketenfeuer eingestellt wird und die letzten Schüsse verhallen. Eigentlich ein guter Zeitpunkt, nach Hause zu fahren. Aber was wäre Silvester ohne einen ordentlichen Kater, um sich jeglicher Illusion über ein besseres, erfolgreicheres und glücklicheres neues Jahr schon gleich zu Beginn zu berauben? Auch die lästigen Vorsätze werden damit gleich im Keim erstickt: „Nee, ich bin heut zu fertig für Sport. Vielleicht morgen …“ Zuerst muss man es allerdings erst einmal bis nach Hause schaffen. Nach über zwei Stunden warten, gibt man schließlich die Hoffnung auf ein Taxi auf. Dann heißt es: soweit die Füße tragen. Meist bei Eiseskälte und in unbequemen Schuhen. Hat man vom Feuerwerk gucken noch keine Blasenentzündung, bekommt man sie spätestens dann.

In wenigen Tagen ist es wieder so weit. Und irgendwo zwischen Glitzer-Deko und in Plastik eingeschweißten „Party-Hackbällchen“, unter betrunkenen Partygästen, die das Bad für eine ungebührlich lange Zeit belagern, Schießwütigen, die die Rakete beim Zünden noch in der Hand halten, und Melancholikern, die noch zu den Backstreet Boys tanzen, findet sich bestimmt ein Gläschen Bowle. In diesem Sinne einen guten Rutsch!