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Migranten reden über ihr Deutschland
Was Zuwanderer von Leitkultur halten

Es gab auch etwas zu lachen beim SZ-Redaktionsgespräch (von links): Burhan Yagci, Mohamed Maiga, Maryam Bonakdar, Iulia Fricke und Asgar Abbaszadeh.
Es gab auch etwas zu lachen beim SZ-Redaktionsgespräch (von links): Burhan Yagci, Mohamed Maiga, Maryam Bonakdar, Iulia Fricke und Asgar Abbaszadeh. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Es wird oft über Einwanderer geredet, selten mit ihnen. Das finden fünf Migranten, die über Leitkultur ins Gespräch kamen. Von Martin Rolshausen

Schon während Asgar Abbaszadeh redet, schüttelt Mohamed Maiga leicht den Kopf. „Leitkultur bringt uns zusammen“, hat der gebürtige Iraner gerade gesagt und auf eine gemeinsame deutsche Sprache als Grundlage des Zusammenlebens verwiesen. Und aufs deutsche Grundgesetz, das das garantiert, was vielerorts in der Welt nicht selbstverständlich ist: die „Achtung vor den Menschenrechten“. „Das alles prägt für mich Leitkultur. Und ich will, dass wir in bestimmten Dingen einig sind“, sagt Abbaszadeh.


„Für so einen Kuschelkurs bin ich nicht der Typ“, entgegnet ihm Maiga. „Wenn wir über die Verfassung reden, dann sollten wir das nicht mit Leitkultur verbinden“, findet der Mann aus Ghana, der lange Vorsitzender des Saarbrücker Integrationsbeirats war. „Das Grundgesetz gilt. Punkt. Gesetze gelten. Und der Staat hat das Gewaltmonopol. Darüber müssen wir doch nicht diskutieren“, findet er. Und wer das Grundgesetz in Frage stellt, der habe in diesem Land eh nichts verloren.

Na ja, reden müsse man schon manchmal darüber, sagt Burhan Yagci. Nämlich mit denen, die neu in Deutschland ankommen. Seine Religion sei da eindeutig, erklärt der Vorsitzende der islamischen Gemeinde Saarland: „Wer hierherkommt, geht mit dem deutschen Staat einen Vertrag ein. Und der Islam sagt, dass man sich an Verträge und Gesetze halten muss.“ Mit Leitkultur hat das für ihn aber auch nichts zu tun. Er würde den Begriff „gerne entsorgen“. Er sei nämlich „Ausdruck der Furcht, dass Menschen, die dazukommen, die Zukunft prägen könnten“. So zu denken sei „aber nicht demokratisch“. Und von oben verordnen könne man eine Kultur sowieso nicht. „Man muss Menschen für etwas gewinnen. Menschen in etwas reinzuzwingen, gelingt ja auch bei Kindern nicht“, sagt Yagci.



„Warum kann man nicht integriert sein und trotzdem individuell?“, fragt Maryam Bonakdar. Die junge Muslima, die in Deutschalnd geboren ist, glaubt, dass es nicht gut ist, „Menschen in einen Topf zu pressen“ – egal welchen Pass sie haben. Und auch Deutsche hätten ja Schwierigkeiten, den Begriff Leitkultur zu erklären.

Das liege daran, dass sich Kultur ändert, erklärt Iulia Fricke, die aus Rumänien zugewandert ist. „Was heute Leitkultur ist, kann schon in zehn Tagen ganz anders aussehen“, sagt sie. Das sieht auch Yagci so. Vor 60 Jahren sei die Kultur in Deutschland eine andere gewesen als heute. Und deshalb, findet Fricke, könne man „nicht einfach zehn Thesen aufstellen, was Leitkultur ist“, und die den Menschen vorschreiben. Das sei dann so wie eine Regelung zur Mülltrennung.