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Zombies unter Step-Tanz unter dem Tisch

Virtuelle Lesung : Zombies – und unter dem Tisch ist Step-Tanz

Immer mehr Künstler verlagern ihre Aktivitäten jetzt ins Internet. Besuch bei einer virtuellen Lesung der Autorin Germaine Paulus.

Die Aufregung ist groß, die Katze maunzt ab und zu – und leider fehlt komplett der Applaus, den Künstler doch brauchen wie das tägliche Brot. Von daher ist das schon eine besondere Erfahrung für Germaine Paulus: ihre erste öffentliche Live-Lesung im Internet, statt wie sonst zumeist in einer Saarbrücker Kneipe.

Eine Stunde live via Facebook war die Saarbrücker Schriftstellerin zu erleben. Immer wieder betonte sie, wie nervös sie diese Konstellation mache. Während ihrer Kurzgeschichten blieb sie aber cool wie immer, da konnten auch die Katze oder ein klingelndes Handy nichts dran ändern. Nur ihren Mann stauchte sie einmal zusammen, er solle nicht im Wohnzimmer herumschleichen, sondern sich setzen.

 „Zombies, Häschen und irgendwas mit Medien“ war der Titel der Online-Lesung. Normalerweise, so sagt Paulus hinterher, schreibe sie ja oft ziemlich „harte Sachen“, aber die wollte sie lieber nicht übers Internet bringen. Weil sie ja nicht wissen konnte, wer alles zuhört.

Zombies gab es eigentlich nur einen in den sechs Kurzgeschichten und dem einen Gedicht: Dave, der „etwas ganz Besonderes“ ist. Nämlich ein ziemlicher Kotzbrocken, der in seinem gestohlenen Cabrio den Sunset Boulevard entlang braust und mal eben so jemanden überfährt, ehe er erschossen wird – und zum zweiten Mal stirbt.

Dann ging es um Paulus’ alten BMW mit Wurzelholz-Interieur, den sie Mister Barnes getauft hat nach dem Dallas-Protagonist Cliff Barnes. In ihm „cruiset“ sie mit einer Freundin nach Saarlouis, um dort einen „kühnen Plan“ zu verwirklichen, nämlich die Altstadt mit ihrem Kopfsteinpflaster zu besuchen, den „Catwalk of Hell“. Doch so weit kommt es gar nicht, die beiden bleiben unterwegs hängen und essen zu viel Kuchen, ehe Mister Barnes sie wieder nach Hause bringt.

Dieser skurrile Humor kennzeichnet alle Texte der in der Saarbrücker Szene bestens bekannten Autorin. Ob sie nun Horror, Sex und Gewalt enthalten oder wie in diesem Fall eben nicht – es geht jedenfalls auch ohne. In Story Nummer drei verzögert sich eine Partie Poker, sodass der Spieler früher heimkehrt und einen fremden Mann in seiner Badewanne vorfindet. Dieser wird ebenso wie die Ehefrau kurzerhand erwürgt, gemäß dem Spruch: „In meiner Badewanne bin ich Kapitän.“ In der nächsten Geschichte wünscht sich der Gitarrist einer Metal-Band die beste Metal-Stimme, also das beste „Growlen“, und verkauft dafür seine Seele dem Teufel. Dumm nur, dass er von nun an auch mit dieser Gröl-Stimme an der Bäckerei-Theke nach einem Käsebrot fragen muss. Das gegrowlte „Ich hätte gerne ein belegtes Brötchen mit Käse, ohne Butter, aber mit Gürkchen“ spielte Paulus vom Handy ab – normalerweise ein garantierter Lacher. Leider war das Lachen der an die 70 Zuschauer an ihren heimischen Computer-Bildschirmen natürlich nicht zu hören. Sollte sich an der derzeitigen Situation lange nichts ändern, wird man wohl über die technischen Möglichkeiten der Übertragung von Publikumsreaktionen nachdenken müssen.

Diesmal jedenfalls ließ sich das Publikum nur in den Kommentarspalten „hören“ – etwa fünf Sekunden zeitversetzt, wie Paulus hinterher meinte. Mehrfach musste sie sich während der Lesung selbst einbremsen, um nicht ins Lesen der Kommentare abzugleiten. Aber all dieses Drumherum machte auch Spaß mitzuerleben: die Nervosität der Autorin, die sie mit viel Selbstironie verarbeitete („Unter dem Tisch ist Step-Tanz, ihr seht das nicht“) oder das Dekor ihres Lesetischs, eine Figur zweier kopulierender Kröten und ein Teelicht („für die Romantik“).