Wohnungsnot bei armen Menschen in Saarbrücken

Arm in Saarbrücken : Sozialwohnungsnot zum Anfassen in der City

Die Saarländische Armutskonferenz demonstrierte in der Bahnhofstraße und führte die Szene vor, an der arme Mieter verzweifeln.

Der Vermieter blickt kurz auf. Vor ihm steht ein kleinerer Mann. „Wie ist denn Ihr Einkommen?“, fragt er. Als der Vermieter die Zahl hört, zieht er die Nase kraus. „Das sieht schlecht aus“, sagt er. Das Mietobjekt der Begierde ist eine einfache Hütte, gezimmert aus schmalen Holzlatten. Sie steht am Mittwochabend vor der Europagalerie in Saarbrücken.

Die Saarländische Armutskonferenz will zum Weltarmutstag mit einer großen Aktion auf die Wohnungsnot in Saarbrücken aufmerksam machen. In der Landeshauptstadt fehlen laut einer Studie des gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Instituts gut 17 000 Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen (wir berichteten). Gut zwei Dutzend von ihnen haben sich an der Europagalerie versammelt.

Wer von Hartz IV lebt, sein Einkommen aufstocken oder mit einer kargen Rente auskommen muss, hat es auf dem Wohnungsmarkt schwer. Die Mietpreise in Saarbrücken steigen. Was erleben Betroffene, wenn sie eine neue Bleibe finden müssen? Das möchte die Armutskonferenz vor der Europagalerie vorführen, mit einem kurzen Schauspiel. Es ist ein Sozialdrama, das von der Lebensrealität der Ärmeren handelt. An der begehrten Holzhütte hat sich eine Menschenschlange gebildet. Wer bekommt den Zuschlag? Eine Frau sagt zu einer anderen: „Wir kriegen die nicht, weil wir von der Fenner Straße in Burbach kommen.“

„Wir möchten darauf hinweisen, dass Wohnen ein Menschenrecht ist“, sagt Wolfgang Edlinger, der Vorsitzende der Armutskonferenz. Was fordert seine Organisation? Mehr sozialen Wohnungsbau, weniger Leerstand. Aber auch, dass Jobcenter oder Sozialamt die realen Kosten einer Wohnung übernehmen, dass „keine Zwangsumzüge“ stattfinden, wie es auf einem Flugblatt heißt.

Der Regionalverband Saarbrücken übernimmt die Miete für die Empfänger von Sozialleistungen. „Soweit diese angemessen sind“, heißt es im Gesetz. Was bedeutet das in Saarbrücken? In der Stadt dürfen Miete und Nebenkosten für eine Person nicht über 370 Euro liegen. Wer eine teurere Wohnung hat, muss umziehen – oder Geld dazulegen. Im Regionalverband betraf dies zuletzt über 4000 Haushalte (wir berichteten).

Hans-Dieter Conrad gehört zu den Betroffenen, die in der Schlange vor der Europagalerie stehen. „Wer am Rand steht, wie Hartz-IV-Empfänger oder Rentner, hat fast gar keine Chance mehr, eine Wohnung zu bekommen“, sagt er. Conrad ist das, was man einen Aufstocker nennt: Conrad arbeitet in der Logistikbranche. Er verdiene nicht so viel, dass er davon leben könne, erklärt der 51-Jährige. Deshalb bekommt Conrad auch Geld vom Jobcenter, „ergänzendes Hartz IV“, sagt er.

Man stecke immer in einer Zwickmühle, berichtet Conrad von der eigenen Wohnungssuche. Auf der einen Seite die Wohnungsanbieter, auf der anderen die Behörde. Ein Vermieter habe ihm bei einer Besichtigung gesagt, er bekomme die Wohnung sofort – wenn er ihm 1000 Euro auf die Hand gebe. „Das kann ich natürlich nicht“, sagt Conrad. Andere verlangten, dass er das Haus in Ordnung halte, „aber alles umsonst“, ärgert er sich. Als Aufstocker muss Conrad bei der Behörde vorsprechen, wenn ein Ortswechsel ansteht. Er sagt: „Wenn ich umziehen will, muss ich um eine Wohnung betteln.“

Bei der Demonstration gegen die Saarbrücker Sozialwohnungsnot vor der Europagalerie.    . Foto: Tobias Fuchs

Auch Stephan Klein aus Saarbrücken wird vom Jobcenter unterstützt. Seine Erfahrungen? „Die Wohnung wird mir bewilligt, aber ich weiß nie, wie lange“, sagt der 49-Jährige. Den Antrag auf Hartz IV müsse er immer wieder neu stellen – und damit rechnen, dass die Kosten angezweifelt werden, erklärt Klein: „Das hat man mal ohne Vorwarnung getan.“ Er widersprach, durfte bleiben. Aber: „Seitdem lebe ich in Ungewissheit“, sagt Klein.

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