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Neue Großpfarrei
„Wir werden nicht im Orbit schweben“

Die Basilika St. Johann ist ein Anziehungspunkt für Menschen aus der ganzen Region.
Die Basilika St. Johann ist ein Anziehungspunkt für Menschen aus der ganzen Region. FOTO: Roland Moser/Pfarrei
Saarbrücken. Ab 2020 ist Saarbrücken die größte Pfarrei im Bistum. Die Kirche wolle aber weiter in allen Orten für die Menschen da sein. Von Martin Rolshausen

„Das, was wir machen, ist radikal“, sagt Christian Heinz. Aber die Radikalität, mit der das Bistum Trier gerade seine Strukturen verändert, seien kein Grund, Angst zu haben, sagt der Saarbrücker Jugendpfarrer. „Angst lähmt“, warnt er. Und mit seinem Vorhaben, aus derzeit 887 nur noch 33 Pfarreien zu machen, wolle das Bistum das Gegenteil von Lähmung. Von „einer großen Chance“ spricht der Pfarrer und von „Hoffnung“.



Saarbrücken wird ab 2020 mit gut 98 000 Katholiken die größte der dann 33 Pfarreien im Bistum Trier sein. „Klar“, sagt er, „wir brechen mit einer jahrhundertealten Tradition der kleinen Pfarreien.“ Aber insbesondere für den Ballungsraum Saarbrücken eröffne das für die katholische Kirche viele Möglichkeiten. Denn in der Stadt gebe es mehr kirchliche Angebote als sonst wo im Bistum. Sie reichen von Bildungsangeboten über besondere seelsorgerische und soziale Dienste bis hin zum Jugendcafé Exodus, sagt Heinz.

In die Kirche der Jugend im Saarbrücker Ostviertel, sagt er, kämen schon jetzt auch Menschen aus Sulzbach und von noch weiter her. Auch die Basilika St. Johann und die Alt-Saarbrücker St.-Jakobs-Kirche, in der Dechant Benedikt Welter predigt, sind Anziehungspunkte für Menschen aus der ganzen Region. Dass es zentrale Orte gibt, sei also nicht neu.

Das habe bisher nicht ausgeschlossen und werde auch künftig nicht ausschließen, dass es auch „Angebote auf dem flachen Land gibt“, sagt der Jugendpfarrer. Aber es sei auch klar: „Es geht nicht mehr an jedem Ort alles. Einige Strukturen werden auslaufen.“ Er verstehe, dass sich viele Katholiken deshalb Sorgen machen. „Wir dürfen aber jetzt nicht nur meckern und motzen und Bedenken haben“, mahnt er. Im Gegenteil: „Wir brauchen Mut, Neues auszuprobieren.“

Das habe „viel mit Kreativität zu tun“. Und das bedeute auch, „Menschen vor Ort mehr Verantwortung zu übertragen, damit sie selbstbewusst ihr Christentum leben“. Christentum zu leben, bedeute auch Nachbarschaftshilfe zu leisten. „Wenn ich Christ bin und mich die Sache Jesu begeistert, dann muss ich hinschauen, wo es Menschen gibt, die Hilfe brauchen“, sagt der junge Priester. Und das könne auch die Hilfe sein, zu einem Ort zu kommen, an dem Gottesdienst gefeiert wird. Denn natürlich werde man sich die Frage stellen müssen: „Wo ist es noch sinnvoll, Gottesdienste zu feiern?“

Der Erfolg kirchlicher Arbeit, findet Christian Heinz, lasse sich eh nicht nur an der Zahl der Gottesdienstbesucher ablesen. Leute, die ihn wegen des öffentlichen Gartens neben der Jugendkirche, in dem Bürger in der Stadt Blumen und Gemüse anpflanzen ansprechen, „gehen nicht alle unbedingt in den Gottesdienst, die sind aber mit uns in Kontakt“, sagt er.

Der Jugendpfarrer setzt darauf, dass die Katholiken in der neuen Großpfarrei die neue Struktur als ein Signal zum Aufbruch begreifen. Denn eins sei sicher: „Kleingeist bringt uns nicht in die Zukunft.“

Und wenn nun die Fragen formuliert werden, was die Kirche will und kann, wo Gottesdienste gefeiert werden und wo nicht mehr, wo man sich von altem verabschiedet und wo man Neues wagt, dann werden die Antworten „nicht von oben gesteuert werden“.

Dass es etwas bringt, wenn sich die Kirchenbasis einmischt, haben die Katholiken in Sulzbach, Friedrichsthal und Quierschied gezeigt. Ihre Pfarreien sollten in die neue Großpfarrei Neunkirchen eingegliedert werden. Das ist keine gute Idee, fanden die Sulzbacher, Quierschieder und Friedrichsthaler. Sie wollten lieber zur Großpfarrei Saarbrücken.

Die Kommission, die unter Vorsitz des Hermeskeiler Dechanten Clemens Grünebach die Zuschnitte der neuen Pfarreien beraten hat, folgte den Argumenten der Menschen vor Ort. „Bei einer Pfarrei dieser Größe ist es unerheblich, ob es 76 000 oder 98 000 Katholiken sind“, sagt er. Der Quierscheider Pfarrer Michael Müller, der zuvor lange in Altenkessel tätig war, habe der Kommission klargemacht: „Für die Menschen dort führen viele Wege nach Saarbrücken und nur wenige nach Neunkirchen.“

Michael Müller ist mit dem Ergebnis zufrieden. Klar, man fahre ab und zu zum Einkaufen nach Neunkirchen, weil man dort beim Einkaufszentrum „einfacher parken“ könne als in der Landeshauptstadt. Aber deshalb sei Neunkirchen für die Menschen „kein Bezugspunkt“. Saarbrücken sei kulturelles Zentrum, viele arbeiten dort und viele Jugendliche besuchen dort weiterführende Schulen.
Hätte man Sulzbach, Friedrichsthal und Quierschied zu Neunkirchen geschlagen, dann hätte man auch Vertrauen verspielt, sagt der Pfarrer. Erst vor sieben Jahren wurde nämlich das Dekanat Sulzbach aufgelöst und dem Dekanat Saarbrücken angegliedert. „Damals gab es viele Verlustängste“, sagt Müller. Man habe Angst gehabt, dass die Pfarreien im großen Dekanat „untergehen“. Das gute Miteinander im Dekanat habe Vertrauen geschaffen.

Nun beginne auf der Basis der größtenteils guten Erfahrungen von damals eine neue „Erkundungsphase“. Wie Christian Heinz fragt auch Michael Müller: „Was ist denn überhaupt noch überlebensfähig. Was ist tot, obwohl wir mit viel Aufwand versuchen, es lebendig erscheinen zu lassen? Wo kann man etwas lernen? Wo kann man von anderen etwas abschauen?“
Egal, welche Antworten man finden werde, „wir werden weiter für die Menschen vor Ort da sein“, verspricht Müller. „Wir Priester und die anderen Hauptamtlichen werden ja nicht im Orbit schweben und nur ab und zu auf die Erde kommen“, sagt er.

Es sei nun an den Verantwortlichen in der neuen Großpfarrei, zu schauen, wie was und mit welchem Personal  organisiert wird. Christian Heinz verspricht: „Die Hauptamtlichen sind ja nicht weg, die werden ja nicht erschossen.“

Christian Heinz ist Jugendpfarrer im Dekanat Saarbrücken.
Christian Heinz ist Jugendpfarrer im Dekanat Saarbrücken. FOTO: bip
Dechant Clemens Grünebach, der die Bistumskommission leitet.
Dechant Clemens Grünebach, der die Bistumskommission leitet. FOTO: bip/Helmut Thewalt