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Theater
Wenn Ochs und Esel die Weihnachtsgeschichte servieren

Detlef Kraemer (links) und Bob Ziegenbalg als Esel und Ochse. 
Detlef Kraemer (links) und Bob Ziegenbalg als Esel und Ochse.  FOTO: Kerstin Krämer
Saarbrücken. Von Anja Kernig

Bob Ziegenbalg ist ein richtiger Hornochse. Einer, den ganz aktuell Bronchitis und Erkältung nicht davon abhalten, das Kultstück „Ox & Esel“ auch diesen Dezember wieder aufzuführen – in sechs Vorstellungen.


Was gar nichts ist gegen die Anfangszeiten, damals, im November 2004, als die etwas andere Weihnachtsgeschichte von Norbert Ebel den ganzen Dezember durch gespielt wurde, dreimal täglich – insgesamt 55 Vorstellungen in der ersten Saison. Seitdem ersteht dieser gemütlich-rustikale Stall mit Watteschneemützchen auf den Holzpfosten Jahr für Jahr und egal, wie warm der Advent draußen ausfällt, wenn der Ochse heim kommt, sich die Kälte aus den steifen Gliedern schüttelt, ist tiefster Winter - und das Christkind näher, als man denkt. Gestern zum 300. Mal.

Ziegenbalg gibt also den Ochsen, einen Macho in Lederklamotten, der kaum gehen kann vor lauter Männlichkeit und bei dem Pin- Up-Kuh-Girls im Spind kleben. Der Esel alias Detlev Krämer ist das ganze Gegenteil. Alles an ihm ist weich, die Klamotten hippiemäßig, und als er abends aus der Stadt heimkommt, steht sein Maul nicht still, der neueste Klatsch muss erst mal raus. Dabei schnallt er gar nicht, dass der Ochse gleich explodiert: „Hier ist kein Platz für so ein, so ein – was soll das überhaupt sein?“, herrscht er den armen Graurock an, den Blick angewidert in seine Futterkrippe gerichtet. Dort pennt ein in Tüchern gewickeltes „Ding“ auf seinem Abendbrot.

Nur einmal in all den Jahren ist der Ochse ausgefallen, eines Bänderrisses wegen. Der Esel noch nie. Es wäre auch zu traurig – für viele Familien ist Weihnachten emotional und kulturell an dieses Stück gekoppelt. Kein Wunder, dass im August schon die ersten Reservierungen eingehen. 27 000 Besucher hatte die tierische Männer-WG in den 13 Jahren, Gastspiele führten bis nach Hanau, Ludwigsburg und Luxemburg. Wobei nicht jeder immer alles verstand: „Uns hat mal ein Junge verwechselt“, sinniert Krämer und lächelt milde: „Er meinte, er hätte ein Stück mit einem Wikinger und einem Indianer gesehen.“

Die schrägste Aufführung aber dürfte die auf der Lerchesflur gewesen sein, zum 100. Geburtstag der Justizvollzugsanstalt. „60 Prozent der Zuschauer waren Muslime“, erinnert sich Ziegenbalg grinsend. „Das macht nicht besonders viel Sinn“ – wo es doch um der Christen liebstes Fest geht, bei dem man die Geburt des Erlösers in einem Stall in Bethlehem feiert. Anderseits sitzen oft genug auch kleine Kinder im Publikum, die inhaltlich nicht allzu viel von dieser Parabel über Menschlichkeit und Nächstenliebe verstehen dürften. „Aber sie nehmen alle was mit“, ist sich das Duo sicher. Die schwierigsten „Kunden“ sind ohnehin nicht die Knirpse: „Wir hatten mal einen Sprachkurs Deutsch mit Erwachsenen hier, dazu einen Kindergarten und eine Gruppe dementer alter Damen“, erzählt Ziegenbalg. „Die eine hat geschimpft, warum ich nicht mit dem Baby (eine Attrappe, die echte Geräusche von sich gibt) rausgehe. Eine andere hat gesungen.“ Die armen Kinder waren total irritiert, „eine heftige Vorstellung“.



Wenn man 300-mal diesen Testosteron-Brocken gespielt hat, reizt einen dann nicht einmal ein Rollenwechsel? „Nee, eigentlich nicht“, schüttelt Ziegenbalg den Kopf. „Das wäre irgendwie komisch.“ Findet Krämer auch: „Der Esel braucht mich, und ich brauch den Esel.“

Sie sind jetzt 63 und 62 und finden es gut, „keine jungen Männer“ mehr zu sein. Eher „so ein Walter-Matthau-Jack-Lemmon-Gespann, zwei alte Zausel. Das hat Charme.“ Bis in alle Ewigkeit? „Wenn der Rollator da ist, machen wir noch ein Jahr“, überlegt Ziegenbalg. „Dann hören wir auf.“