Weil Altpapier zurzeit so billig ist, wird der restliche Müll teurer.

Kostenpflichtiger Inhalt: Müllgebühren : Chinesen machen unseren Müll teurer

Weil die Chinesen kaum noch Altpapier aus Deutschland kaufen, sind die Preise dafür im Keller. Damit drohen den Saarbrückern höhere Gebühren für ihren Restmüll.

Die Verbraucher im Regionalverband Saarbrücken werden für ihren Müll vielleicht mehr Geld bezahlen müssen. Das zumindest legt der Preisverfall von Altpapier nahe, weil Länder wie China und Indonesien nicht mehr in Europa einkaufen (siehe Grafik). Noch vor einem Jahr bekamen die Entsorger noch 90 Euro pro Tonne Altpapier, derzeit sind es noch 60 Euro. Mit den Einnahmen finanzieren die Entsorger nicht nur den Abtransport von Papier und Pappe (derzeit kostenlos in Saarbrücken) und des restlichen Hausmülls (graue Tonne), sondern auch das Abholen von Sperrmüll. Ganz zu schweigen vom Fuhrpark und den Personalkosten. Wegen des Preisverfalls zahlen die Bürger in zahlreichen Städten und Gemeinden  bereits mehr für den Abtransport des Mülls. Für Saarbrücken rechnet der Zweckverband Kommunale Entsorgung (ZKE) damit, dass die Papierpreise im laufenden Jahr ,,keinen Einfluss auf die Gebührenkalkulation haben, da der ZKE eine Dreijahreskalkulation hat, die erst Ende 2020 an Gültigkeit verliert“. Das teilte der ZKE auf Anfrage unserer Zeitung mit. Der Altpapiermarkt sei jedoch momentan schwierig und werde es in den kommenden Monaten bleiben. Die weitere Entwicklung hänge von zahlreichen derzeit nicht abschätzbaren Änderungen ab.

„Von 2015 bis (hochgerechnet) 2019 hatte der ZKE schwankende Beiträge zur Gebührenstabilität aus dem Altpapiergeschäft von null Euro bis 800 000 Euro zu verzeichnen“, teilte der ZKE weiter mit. Diese Beiträge seien jedoch nur ein Faktor von mehreren (wie zum Beispiel auch der Verbrennungspreis), die die Gebührenhöhe beeinflussen. Der durchschnittliche Gewinn der letzten Jahre betrug den Angaben zufolge 360 000 Euro. Dies entspricht rund 1,8 Prozent  des Gesamtumsatzes im Jahr 2018. Die endgültigen Zahlen für 2019 liegen derzeit noch nicht vor.

 Mittelfristig gibt der ZKE aber keine Entwarnung: „Es ist allerdings derzeit nicht absehbar, ob die niedrigeren Erlöse tatsächlich auch einen länger anhaltenden Trend darstellen. In der Kalkulationsphase der Abfallgebühr Ende 2020 für die nächsten drei Jahre von 2021 bis 2023 kann die Situation sich wieder ganz anders darstellen.“

Altpapierpreise. Foto: SZ/Grafik-SZ

Diese Einschätzung teilen die privaten Müll-Entsorger im Saarland. Claudia Wahl, Prokuristin von Remondis in Kirkel, sagte, bundesweit müsse man in vielen Kommunen schon für die Entsorgung von Altpapier zahlen, auch da, wo es vorher kostenlos war. „Das Problem haben alle, die ein System anbieten, wo die Entsorgung nichts kostet.“ Vielerorts decken die Erlöse kaum noch die Kosten für die Sammlung, heißt es aus der Branche. Remondis selbst mache derzeit mit dem Geschäft einen Verlust. „Wenn der Preisverfall dieses Jahr anhält, dann müssen wir über die Finanzierung nachdenken, also kostenpflichtig entsorgen. Das ist bislang aber nicht geplant.“ Remondis ist weltweit tätig und hat im Saarland vier Standorte: in Kirkel, Saarbrücken, Dillingen und Saarlouis. Die rund 180 Mitarbeiter von Remondis entsorgen den Müll von etwa zehn Prozent der Saarländer.

Josef Paulus, Firmenchef des Entsorgungsunternehmens Paulus GmbH in Sulzbach, nennt mehrere Gründe für den niedrigen Papierpreis. In England, Spanien und Holland gebe es zurzeit ein Überangebot an Altpapier. Die Lager von Anbietern und Verarbeitern sind „proppevoll“, teilt der Europäische Wirtschaftsdienst für Papier und Zellstoff (Euwid) mit. Zudem kauften die Chinesen weniger in Europa ein, sagt Paulus. Mehr noch: „Bislang war der Markt stabil, weil die Chinesen uns das Papier abgenommen haben. Die Chinesen bauen aber zurzeit einen eigenen Altpapiermarkt auf. In den Großstädten steht alle drei Straßen ein Container, wo die Leute Papier und Karton entsorgen können.“

Bezahlen müssen die Kunden im Saarland jedoch weiterhin nicht für den Abtransport von Altpapier. „Wir können ja schlecht jedem Kunden eine Rechnung von einem Euro oder so für die Leerung berechnen. Wir halten das hier noch eine gute Zeit durch.“ Insgesamt stellt Paulus den Saarländern ein gutes Zeugnis aus: „Der Saarländer sortiert sehr sauber. Im Ruhrgebiet oder in Mannheim ist alles viel schlimmer.“

 Von der Qualität des Altpapiers hängt es ab, ob es Abnehmer findet. Bislang akzeptierten die Chinesen ein Prozent Fremdmüll wie Kartonagen im Altpapier, seit wenigen Monaten seien es nur noch 0,5 Prozent. Das kommt einem Importstopp für Altpapier gleich, urteilen Branchenkenner. Die weiteren Aussichten für den Altpapiermarkt fallen daher alles andere als rosig aus. „Es drücken weiter unglaubliche Mengen aus allen Ecken Europas und Skandinaviens auf den Markt“, sagt ein Marktbeobachter. Gut möglich, dass die Verbraucher in Saarbrücken in absehbarer Zeit doch noch zur Kasse gebeten werden.