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Was macht der Kultur-Flaneur ohne Kultur?

Interview : Was macht der Kultur-Flaneur ohne Kultur?

Er ist in der Kulturszene bekannt wie ein bunter Hund und normalerweise fast rund um die Uhr bei Veranstaltungen unterwegs.

Wer in der Saarbrücker Kulturszene unterwegs ist, wer sich gern im Internet über Kultur informiert, kommt um Sascha Markus kaum herum. Als „Der Flaneur“ schreibt er eine Kolumne, in der er auf fast alles hinweist, was kulturell gerade so los ist. Wer ins Theater geht oder ins Konzert, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen charakteristischen Kopf schonmal gesehen haben. Was macht so jemand, wenn die Kultur ausfällt? Das wollten wir wissen und baten um ein Interview. Wie es sich für die Corona-Regeln gehört, haben wir das Ganze als E-Mail-Gespräch geführt.

Lieber Herr Markus, Sie sind jemand, der seit Jahren fast jeden Tag ins kulturelle Leben der Stadt eintaucht, es gibt kaum eine Veranstaltung, keine Theater-Premiere, kein Konzert, keine Vernissage, bei der man Sie nicht sieht. Wie fühlt es sich für Sie an, jetzt total von allem abgeschnitten zu sein?

Sascha Markus: Ich fühle mich seltsamerweise nicht von allem abgeschnitten. Jedenfalls nicht von kulturellen Angeboten.Vom Staatstheater und dem Saarlandmuseum gibt es täglich kleine Angebote, Vorträge Lesungen und Konzerte werden ins Internet verlegt. Die Kulturschaffenden gehen ja neue Wege, um uns zu erreichen. Nicht in dem riesigen Umfang, den man in Saarbrücken gewohnt ist, aber viele Künstler müssen ja auch erst einmal neue Wege finden, mit dem Publikum in Kontakt kommen können.

Was fehlt Ihnen dann?

Sascha Markus: Zum einen natürlich die körperliche Erfahrung. Der Zugang zur Kultur über Computer oder Handy wird auf eine kleine Fläche reduziert. Weder Beethoven noch Punkrock lassen sich bei Zimmerlautstärke wirklich erleben. Zum anderen sind es die zufälligen Gespräche, die sich bei Veranstaltungen ergeben. Jetzt gibt es zwar teilweise Möglichkeiten wie Chats bei einer Onlineveranstaltung: Aber um so ein gemeinsames Erleben zu erfahren, müssen wir diese Art der Kommunikation noch üben und Lösungen finden.

Was macht ein Kultur-Flaneur ohne Live-Kultur? Verbringen Sie Ihre Tage jetzt komplett im Internet, lesen Sie, versacken Sie vor Fernseh-Serien?

Sascha Markus: Ich mache Spaziergänge mit der Kamera, bin aber tatsächlich viel im Internet. Anders als das Fernsehen, ist das Netz für mich ein Ort der Aktivität. Darüber hinaus stapeln sich bei mir nicht nur Bücher und zu bearbeitende Bilder, sondern auch viele Ideen, die endlich mal umgesetzt werden könnten.

Sie geben ja weiterhin Kulturtipps auf Facebook und auf Ihrer eigenen Internet-Seite. Aber jetzt versuchen Sie, zusammenzutragen, was es so an Online-Konzerten, virtuellen Galerien etc gibt. Es ist schwierig, das alles zu bündeln, weil es so viele verschiedene Plattformen gibt, oder? Wie finden Sie Ihre Tipps?

Sascha Markus: Hier sind Facebook, Instagram und Twitter die wichtigste Quellen, mehr noch als zuvor. Wobei hier nicht die Plattform an sich gemeint ist. Wichtiger ist die Vernetzung mit anderen Menschen, mit Künstlern, Veranstaltern und mehr noch mit einem Kreis von Bekannten, die sich gegenseitig Dinge empfehlen.

Was, denken Sie, muss passieren, damit die Kultur, so wie wir sie kannten, gerettet wird?

Sascha Markus: Sollte die Kultur denn so sein, wie wir sie bisher kannten? Das würde ja bedeuten, dass der Zustand vorher gut und erstrebenswert war. Ist ein Impuls zur Veränderung nicht dringend notwendig? Brauchen wir nicht neue Wege, um Kultur zugänglich zu machen und neue Ideen, um allen Beteiligten eine Lebensgrundlage zu schaffen?

Meinen Sie damit das schon lange geforderte bedingungslose Grundeinkommen für Künstlerinnen und Künstler?

Sascha Markus: Der wichtige Teil des bedingungslosen Grundeinkommens ist, dass es bedingungslos ist. Wenn ein Grundeinkommen für Künstlerinnen und Künstler gefordert wird, was ist denn dann das, was einen Künstler ausmacht? Eine Anzahl von Werken/Auftritten/Ausstellungen pro Jahr? Gäbe es dann Haupt- und Nebenerwerbs-Künstlerinnen wie bei den Landwirten? Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist meiner Meinung nach sinnvoll für alle. Es würde nicht nur den Künstlern helfen, sondern auch den Zugang zur Kultur erleichtern.

Aber so schnell wird das nicht kommen ...

Sascha Markus: Ein weiterer Weg für die Kulturschaffenden könnte es sein, wenn das Einkommen nicht am Produkt hängt, also an der CD oder dem einzelnen Buch. Vielleicht andere Formen der Unterstützung durch das Publikum. Ansätze sind Crowdfunding, was ja noch auf einzelne Projekte fokussiert ist, oder Modelle wie Patreon. Hier wird die Arbeit des Künstlers wie ein Abo finanziert.

Also eine Art Mäzenatentum des 21. Jahrhunderts?

Sascha Markus: Das klingt nach dem großen Geldgeber. Ich sehe es eher in Richtung einer virtuellen Hutsammlung. Und Künstlerinnen und Künstler sind ja nur ein Teil der Kultur. Wir brauchen auch eine Absicherung z.B. für Betreiber von Orten der Kultur oder andere Beteiligte. Der Schauspieler ist ja nur ein Sprecher, wenn niemand das Licht auf der Bühne bedient.

Beiträge von Sascha Markus findet man auf Facebook und auf seiner Seite www.der-flaneur.rocks