Was gibt es Neues im Le Carreau in Forbach?

Saisonvorschau : Das andere Theater jenseits der Grenze

Die Nationalbühne Le Carreau in Forbach hat 30 Prozent Besucher aus Deutschland und lockt sie mit reizvollem Programm und einem Bustransfer.

Wozu Theater? Um zu hinterfragen, um uns aufzurütteln, in Erstaunen zu versetzen, um uns zu verführen, zu verzaubern, um uns neue Anstöße zu geben? Ein Glücksfall, wenn eine Spielstätte mit ihren Produktionen dies alles (und noch viel mehr) an Gefühlen, Gedanken und Einsichten beim Zuschauer auszulösen vermag.

Eines dieser Theater in unserer Region ist die Nationalbühne Le Carreau in Forbach, gegründet 1996 mit dem Auftrag, die Kultur in die Provinz zu bringen – und ja, was für eine Kultur!

Allein in dieser Saison kann man sich von einer hochrangigen Produktion zur anderen hangeln, Regisseure und Künstler erleben, die sonst nur in Paris, Berlin oder einer anderen Metropole auftreten: Sprechtheater, Musik, Tanz, Zirkus und zunehmend auch eine Mischung aus den verschiedenen Genres unter Einbeziehung der modernen Medien.

„Arctique“ (16./17. Januar) der belgischen Regisseurin Anne-Cécile Vandalem („der explosive Stern des zeitgenössischen Theaters“) ist so ein Theaterabend, er ist gleichzeitig Film und Konzert und feierte unter anderem an der Berliner Schaubühne große Erfolge.

Ein iranischer Regisseur, der die Stimmung seiner Gesellschaft mit Feingefühl thematisiert – aktueller geht es wohl nicht. Amir Reza Koohestani führt am 6. Februar in „Summerless“ „auf leisen Sohlen durch den Iran“.

In Frankreich sind sie große Stars: die Schauspielerin Yolande Moreau und der Sänger Christian Olivier. Gemeinsam interpretieren sie am 4. April Jacques Préverts Texte. Gänsehautgarantie bei „Les feuilles mortes“, „Barbara“, „Étrange, etranger“. Am 6. Mai dann ein Stück über Madame Bovary, es zerrt sie, ihren Mann, ihre Liebhaber vor Gericht und gibt ihnen Leib und Seele.

Diese Produktion ist das vorerst letzte Stück, das im großen Saal des Carreau gezeigt wird – danach geht das Theater für etwa drei Jahre auf Wanderschaft, denn die Spielstätte wird modernisiert und erhält ein attraktives neues „facelift“ (die SZ berichtete). In dieser Zeit zieht das Le Carreau  unter anderem nach Stiring-Wendel, Hombourg-Haut, Petite-Rosselle, Saint-Avold, Saargemünd und natürlich auch nach Saarbrücken.

Laurence Lang, die das künstlerische Programm verantwortet, hat bei der Planung die Wanderzeit eingeplant und alles unter das Thema „Anderswo“ gestellt. Doch es geht nicht nur um die Aufführungen außerhalb der eigenen vier Wände, sondern auch um die Inhalte der Produktionen: Der Zuschauer reist beim Besuch der Gastspiele durch die halbe Welt – die Arktis und den Iran haben wir bereits erwähnt, aber auch der Libanon, Portugal, Spanien, die USA und Vietnam spielen eine Rolle.

Das Carreau, genaue Bezeichnung „Centre d’Animation Culturelle“ (CAC), ist eines der 74, „Scènes Nationales“ genannten Nationaltheater in Frankreich. Diese sollen die Kultur, die sich auch bei unseren Nachbarn gern in den großen Städten konzentriert, allen voran Paris, in die Provinz tragen.

Die „Scènes Nationales“ finden sich darum vor allem in kleineren Städten auf dem Land – und in Forbach kommt als Besonderheit noch die Grenzlage hinzu, sodass neben der kulturellen Bildung auch noch die grenzüberschreitende deutsch-französische Kulturarbeit ein wichtiger Aufgabenschwerpunkt ist.

Diese generiert bekannte Kooperationen wie etwa das Festival Loostik, das Festival Primeurs (mit dem Staatstheater und SR2 Kulturradio) und das Festival Perspectives. Zurzeit kommen etwa dreißig Prozent der Zuschauer aus Deutschland. Ein Bus-Shuttle von Saarbrücken (Schlossmauer) nach Forbach und die deutsche Übertitelung sollen dabei helfen, diese Zahl noch zu steigern.

Eine weitere Besonderheit und damit auch ein wichtiger Auftrag für die Crew des Carreau in Forbach: Im Gegensatz zu deutschen Theatern haben französische Spielstätten (mit wenigen Ausnahmen) kein festes Ensemble. Die Künstler und Compagnien reisen in Frankreich von Ort zu Ort und sind für ihre Produktionen auf die Einladung und Unterstützung der „Scènes Nationales“ wie Le Carreau angewiesen. Das lädt ausgewählte Compagnien ein, stellt Proberäume und Unterkünfte zur Verfügung, fördert auch Produktionen finanziell.

Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani führt am 6. Februar in „Summerless“ die Zuschauer „auf leisen Sohlen durch den Iran“. Foto: Hossein Shojaei

Mit dem Ergebnis, dass sich das Carreau ein maßgeschneidertes Programm zusammenstellen kann  und sich so im Laufe von über 20 Jahren als innovative Spielstätte dies- und jenseits der Grenze etabliert hat – hier und „anderswo“.