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Warum das Evimus-Festival gerade jetzt so wichtig ist

Interview mit Daniel Osorio : „Den Menschen Futter für die Seele geben“

Der Gründer und Leiter des eviMus-Festivals für elektroakustische und visuelle Musik erklärt, warum er trotz Corona alles wagt.

Vom 29. Oktober bis 1. November findet im KuBa, dem Kulturzentrum am Eurobahnhof, die 7. Ausgabe von eviMus statt. Das sind die Saarbrücker Tage für elektroakustische und visuelle Musik. Mit einem viertägigen Programm werden Werke regionaler und internationaler Komponistinnen und Komponisten sowie Video- und Klangkunst präsentiert. Wir haben mit dem künstlerischen Leiter Daniel Osorio über Kultur in Krisenzeiten und die Akzeptanz der Neuen Musik gesprochen.

Sie haben sich entschieden, das eviMus-Festival trotz Corona-Beschränkungen durchzuführen. Warum? Den Künstlerinnen und Künstlern zuliebe, die aktuell kaum Auftrittsmöglichkeiten haben?

Daniel Osorio: Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, in der zweiten Anordnung der sowjetischen Besatzung an die Bevölkerung Berlins hieß es, alle Kultureinrichtungen sofort wieder zu eröffnen. Die Künste sollten den Menschen helfen, die Schrecken des Krieges zu verarbeiten und neue Hoffnung für die Zukunft zu säen. Das zeigt uns: Der Mensch lebt nicht von Brot und Wasser allein. Er lebt auch von Kultur, und wir wollen den Menschen besonders in diesen Zeiten mit unserer Musik „Futter“ für die Seele geben. Selbstverständlich steht die Sicherheit des Publikums an erster Stelle, und wir halten uns bei der Durchführung des Festivals streng an die geltenden Regeln der Behörden.

Zeitgenössische Musik hat immer noch einen schweren Stand. Bieten die Orchester einen Beethoven an, kommen die Leute. Kaum steht ein Zeitgenosse auf dem Programm, bleiben viele weg. Was sagen Sie den Verweigerern? Warum sollten sie sich auf Musik einlassen, die zum Beispiel aus elektronischen Geräuschen oder als schräg empfundenen Tönen besteht?

Daniel Osorio: Grenzen verschieben, Neues ausprobieren: So hat sich unsere Musik seit Jahrhunderten entwickelt und damit auch der Geschmack des Publikums. Und er verändert sich stetig weiter. Doch viele Menschen hören nur das, was ihnen angeboten wird. Es entstehen festgefahrene Hörgewohnheiten, deren Aufbruch auf Widerstand stößt. Der Schlüssel liegt meiner Meinung nach in der Öffnung der Wahrnehmung. Vielleicht sind neue Klänge zu Beginn sehr ungewohnt. Beim genauen Hinhören eröffnet sich jedoch die Möglichkeit, im Fremden eine ganz neue Form der Poesie zu entdecken.

Was bedeutet für Sie persönlich die elektroakustische Musik? Sie machen mit Ihrer Gruppe Musikandes ja auch ganz andere, eher traditionell anmutende Musik. Was können Sie mit der elektronischen besser oder anders ausdrücken?

Daniel Osorio: In der Gruppe Musikandes spielen wir Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Mit den künstlerischen Mitteln, die in der Zeit der chilenischen Diktatur zur Verfügung standen, drückte sie bestimmte politische und soziale Haltungen aus. Heute leben wir in einer anderen Zeit. Die musikalischen Formsprachen wurden durch den Einsatz technologischer Elemente in unendliche viele Richtungen entwickelt. Dieses Meer an neuen Möglichkeiten erlaubt mir als Künstler, meine Ideen präziser auszudrücken, nuancierter. Für mich stellt elektroakustische Musik eine Chance dar, neue Formen für die Inhalte zu finden, welche die Menschheit seit jeher bewegen.

Das eviMus-Festival gibt es seit sechs Jahren. Wie erleben Sie das Saarbrücker Publikum in dieser Zeit? Treffen Sie hier auf viele aufgeschlossene Zuhörer? Immerhin werden die Saarbrücker seit Jahren durch die Saarbrücker Sommermusik an neue Kompositionen herangeführt.

Daniel Osorio: Ja, das ist ein langer Prozess. In unserer ersten Ausgabe 2014 waren meist mehr Künstler auf der Bühne als Publikum im Saal. Doch in den darauffolgenden Jahren kamen immer mehr Menschen zu den Konzerten und wagten sich erstaunlich offen an die neuen Formen und Klänge heran. Ich denke, das hat auch mit unserem Anspruch zu tun, kein rein akademisches Festival für Fachpublikum sein zu wollen. So ist das Programm in jedem Jahr sehr gemischt und zieht daher auch ein sehr diverses Publikum an. Ich habe das Gefühl, dass sich das Saarbrücker Publikum nach neuen Klangerfahrungen sehnt, dass es Lust hat, Bekanntes hinter sich zu lassen und sich mit experimentellen Formen auseinanderzusetzen. Diesem zutiefst menschlichen Bedürfnis möchten wir mit unserem Festival begegnen. Wir halten es für unabdingbar, solche Freiräume des Erfahrens und der Inspiration zu erhalten und zu fördern.

Sie planen ja sogar, das Saarland zum Zentrum und internationalen Treffpunkt für aktuelle, experimentelle Musik zu machen.

Daniel Osorio: Unser Festival lebt von den internationalen und lokalen Künstlern, die auftreten bzw. deren Werke in den Konzerten aufgeführt werden. Ein großes Anliegen für die Zukunft ist es, das Festival stärker in der Großregion zu etablieren. So ist dieses Jahr Hervé Birolini, der Preisträger des Quattropole Musikpreises 2019, bei uns zu Gast. Unser Wunsch ist jedoch auch, eviMus langfristig zu einem grenzüberschreitenden Festival zu entwickeln mit Konzerten an verschiedenen Orten der Großregion und einem bunt gemischten Publikum, das wie die Musik Grenzen überschreitet.

Zum kommenden Festival haben Sie auch Ensembles aus Frankreich, Luxemburg und Italien eingeladen. Haben Sie jetzt schlaflose Nächte, weil man ja nicht wissen kann, ob die Reisebeschränkungen die ganze schöne Programmplanung vereiteln?

Daniel Osorio: Ja, es ist in der Tat im Moment sehr schwierig, im Voraus zu planen. Die Situation verändert sich so rasant, dass wir jeden Tag aufs Neue offen sein müssen für eventuelle Änderungen und Anpassungen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf.

Überhaupt, das Programm: Nach welchen Gesichtspunkten haben Sie es zusammengestellt? Was wird ein aufgeschlossenes Publikum Neues erleben?

Visuelle Effekte gehören dazu. Die französische  Gruppe Flashback war letztes Jahr bei Evimus und soll jetzt auch wieder dabei sein. Foto: evimus
Daniel Osorio ist Gründer und Leiter des eviMus-Festivals. Foto: Wolfgang Niesen

Daniel Osorio: In diesem Jahr spielt die visuelle Musik eine besonders große Rolle. So eröffnet das Festival eine Kreation des luxemburgischen Videokünstlers und Komponisten Arthur Stammet mit dem neu gegründeten Ensemble für Interkulturelle Neue Musik, Die Cronopien. Wir freuen uns sehr, auch in diesem Jahr wieder das Ensemble Flashback zu Gast zu haben, das in seiner Arbeit auf atemberaubende Weise Video und Musik in Echtzeit verbindet. Ebenfalls ist es uns wichtig, dem Saarbrücker Publikum einen bedeutenden Künstler der Neuen Musikszene vorzustellen, den Fagottisten des renommierten Ensemble Modern, Johannes Schwarz.