Von sturen Bauernschädeln und der Liebe

Volkstheater in Saarbrücken : Garstige Leute mit gierigen Wünschen

Das Volkstheater Kettenfabrik bringt ab April in St. Arnual das Bauerndrama „Erde“ auf die Bühne.

Der alte Grutz ist ein übler Knicksack. Ein sturer Bauernschädel und ein derartiger Ungustl, dass es Dieter Meier vor sich selber graust, wie er ein solches Ekel spielen kann. „Ich habe meine Angehörigen schon vorgewarnt, dass sie mich nach dem Besuch des Stücks möglicherweise nicht mehr liebhaben“, sagt er grinsend und schafft‘s, dabei wirklich erschrocken drein zu blicken. Der alte Grutz also will seinen Hof ums Verrecken nicht an seinen Ältesten abgeben. Dabei ist der Hannes auch schon 46. Man kennt das vom englischen Königshaus: Eher wird Charles mit seinen Segelohren tatsächlich abheben, als dass die Queen ihn aufs Thrönchen lässt.

Vor zehn Jahren schon wollte der untergebutterte Hannes seine Trine heiraten, aber weil er den Hof nicht kriegt, löst er die Verbindung. Nun wittert die ehrgeizige Saumagd Mena, die als Wirtschafterin auf dem Hof anheuert, ihre Chance: Sie spekuliert auf den Tod des Alten, der tatsächlich Blut spuckt, nachdem ihn ein Gaul bös mit dem Huf erwischt hat. Dann wäre die Bahn frei, sie könnte den Buben heiraten und wäre Herrin auf eigenem Grund und Boden. Aber als ob er am Vater-Sohn-Konflikt nicht schon genug zu kauen hätte, hat Hannes auch noch einen Nebenbuhler: Auch der emotional eher rustikal gestrickte, verwitwete Köhler ist hinter der feschen Mena her. Und nach dem rauhen Winter blüht dem alten Grutz ein unerwartetes Frühlingserwachen …

In „Frau Suitner“ war‘s die Sehnsucht nach einem Kind, hier ist‘s der gierige Wunsch nach einem Stück Land: Mit „Erde“ (1907 veröffentlicht) bringt das Volkstheater Kettenfabrik fünf Jahre nach seinem Debüt sein zweites Bauerndrama auf die Bühne der Kettenfabrik in St. Arnual. Und wieder geht’s um die im Leben zu kurz Gekommenen, um die Verhinderten, die sich mit Inbrunst ihr Grab selber schaufeln oder darauf tanzen.

Beide Stücke stammen aus der Feder des österreichischen Arztes und Dramatikers Karl Schönherr (1867 - 1943) und sind dem naturalistischen Volkstheater zuzuordnen. Für Regisseur Martin Leutgeb, der in Tirol mit Volkstheater aufwuchs, zählt Schönherr zu den Besten. „Es geht immer um Erde, Besitz und Liebesentzug. Zeitlos!“, sagt Leutgeb, derweil er im Saarländischen Staatstheater (SST) zwischen der Männer- und Frauengarderobe der Statisterie hin und her wetzt. Hier probieren die Leute vom Volkstheater am Montag aus einer Vorauswahl, die Leutgeb zuvor vom SST-Fundus in Klarenthal beigeschafft hat, Kostüme an. Heute lebt er in Wien, macht hauptsächlich Fernsehen und zerzupft sich regelrecht zwischen seinen Drehterminen und Saarbrücken, um sein „Herzensprojekt“ zu pflegen. Weil „hierher kommen wie heimkommen ist“, sagt Leutgeb. Weil er das Volkstheater-Ensemble so mag – das Gros kennt er schon lange, vom Neunkircher Musicalprojekt. Nun sind Mitglieder des Sulzbacher Kellertheaters hinzu gekommen, ein paar Kinder und Jugendliche hat man bei befreundeten hiesigen Theatervereinen gecastet. Und weil ein Mundartstück halt nur mit eingeborenen Laienschaupielern richtig authentisch gerät. Regionalsprachen gehören für Leutgeb wertgeschätzt, Mundart ist ihm „der Schlüssel zur Seele“. Die Übertragung ins Saarländische besorgten Dieter Meier, Enrico Tinebra und Heike Sutor; die einzelnen Darsteller haben den Zungenschlag dann nochmal an den Dialekt ihres jeweiligen Heimatortes angepasst.

Leutgeb ist unter Druck, man muss ihm bei seinem geschäftigen Gerenne die Fragen zuwerfen wie einem Hund die Brocken. Allein die vielen rein logistischen Probleme, die es noch zu klären gilt: Wie transportieren wir die ganzen Kostüme, wo lagern wir sie? Es ist erst Leutgebs zweites Probenwochenende vor Ort, morgen in aller Herrgottsfrühe geht’s schon wieder zurück nach Wien. Erst in der Karwoche vor der Premiere kehrt er zurück, bis dahin übernimmt Dieter Meier als Co-Regisseur. Immerhin: Die Bühne, gebaut aus Standardteilen und ebenfalls eine Leihgabe des SST, steht schon. Mitten im Raum. Damit das Publikum, wie schon beim ersten Stück, drumrum sitzt. Ganz dicht dran am prallen Leben.

Premiere (so gut wie ausverkauft): Karsamstag, 20. April, 19.30 Uhr. Wieder: 22., 27. und 28. April; 5., 10., 11. und 12. Mai (Achtung: unterschiedliche Uhrzeiten!). Vorverkauf: Veras Laden, Arnulfstraße 17, 66119 Saarbrücken. Kartenreservierung unter 0170-202 92 38. Alle Infos: www.volkstheater-kettenfabrik.de

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