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Kolumne So kann’s gehen
Olle Imbissbude oder hippes Streetfood?

FOTO: SZ / Robby Lorenz
So groß ist der Unterschied gar nicht. Aber er spiegelt den Zeitgeist einer neuen Generation wider. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

Inges Bruzzelbude hat dicht gemacht. Ich berichtete bereits. Nach mehr als 30 Jahren war Schluss, hatte die resolute Wirtin, ihren Körperausmaßen zu beurteilen von Anbeginn ihr bester Kunde, die Schnauze gestrichen voll von versalzenen Pommes, glutamatgeschwängerter Currywurst und tiefbrauner Päckchensoße, die nie ein Stück Braten zu Gesicht bekommen hat. Inge ist in Rente und die zuletzt nur noch von zwielichtigen Gestalten belagerte Imbisskaschemme Schnee von gestern.


An deren Stelle rückte was Neues. Komplett durchgestylt. Mit einem Regenschutz-Unterstand aus farblosem Wellblech. Industrielook. Ein Schild hängt seit wenigen Tagen über dem aufgemotzten Campingwagen in Lindgrün. „Streetfood“ steht da in großen, weißen Lettern auf schwarzem Hintergrund mit güldenem Rahmen. Zu deutsch: Straßenessen.

So etwas hätte Inge nie und nimmer angeboten. Essen auf der Straße, zum Mitnehmen oder für unterwegs oder an ihrem Büdchen in Pappschale zum Direktverzehr: so was Abwägiges. Straßenessen. Streetfood. Auf Ideen kommen die Leute.



Doch der neue Betreiber trifft mit seinem Angebot offensichtlich den Nerv. Unzählige Kunden stehen zur Mittagszeit in Reih’ und Glied. Hippe, zumeist hagere Hungerleider warten geduldig vor der Verkaufslounge. Aus der schaut ein kahlköpfiger, dafür langbärtiger, junger Mann hervor. Sein eher schüchterner Blick erweckt den Eindruck, das Schwein für die Bratwurst im Anfall von Mitleid zu Tode gestreichelt zu haben.

Das hat’s bei der recht ruppigen Inge nicht gegeben. Sie bewirtete den bulligen Fernfahrer, der auf seiner Tour hastig eine Pause einlegte, um sich was hinter die Kiemen zu schieben. Sogar ihn vermochte Inge durch ihr schroffes Auftreten einzuschüchtern. Ebenso den Bauarbeiter mit um den Bauch stremmendem T-Shirt, der auf was Heißes stand. Nicht auf Inge in ihrem geblümten Viskosekittel, sondern auf den in brauner Brühe badenden Fleischklops.

Inges Nachfolger trägt eine edle schwarze Baumwollschürze, „Snackmanufaktur“ aufgestickt. Von Hand gemacht also. Wenn ich mich an Inge recht erinnere, hatte sie die fleischige Bulettenrohmasse immer kräftig mit ihren wurstigen Fingern durchgewalkt, bevor sie gekugelt auf dem Rost landete. Von Hand gemacht. Was ich dem Neuen mit seinen zarten Händen nicht so recht zutraue.

Auf der Schiefertafel stehen allerlei Kreationen mit wohlklingenden Namen: Burger vom Angusrind an Kartoffelstreifen aus ökologischem Anbau, Crevettensalat in Orangenjus mit Dinkelbrot. Ingwersüppchen mit Brunnenkresse. Hier speisen Gourmets. Im Stehen.

Der Geruch indes verrät Vertrautes. Es riecht nach wie vor heiß und fettig. Neben mir steht ein Jung-Banker, dessen Hände in frittierten Hähnchenflügeln baden. Fingerfood heißt das jetzt. Bei Inge aß die Kundschaft die Fritten mit den Fingern. Und wischte sich diese an der Jeans ab. Unbeholfen tastet der schlaksige Herr nun nach einer Papierserviette, die ein Windzug im hohen Bogen hinwegfegt.

Beim zufälligen Blick in den Streetfood-Wagen erspähe ich eine Großküchenpackung Streuwürze sowie diverse Flaschen braunen Geschmacksverstärkers. Ob die Inge vergessen hat?