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Arbeitskammer
Von Alicante nach Saarbrücken

Matias Monzo  arbeitet in der Lehrwerkstatt der VSE an einem Übungsblech.
Matias Monzo arbeitet in der Lehrwerkstatt der VSE an einem Übungsblech. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Der 22-jährige Matias Monzo ist einer von rund 30 jungen Spaniern, die zurzeit eine Ausbildung im Saarland machen. Von Jörg Wingertszahn

Morgens um sieben soll die Welt ja noch in Ordnung sein, aber auch morgens um vier? Matias Monzo  jedenfalls ist wochenlang morgens um vier Uhr aufgestanden, hat sich in Homburg in den Zug gesetzt und ist über Saarbrücken ins Kraftwerk nach Ensdorf gefahren, wo er bei der VSE eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik macht. Der 22-Jährige aus Alicante an der Costa Blanca ist einer von  zunächst 50 jungen Spaniern, die im Saarland eine Lehrstelle gefunden haben.  Angeworben wurden sie vom Projekt Mobi-Pro-EU, das vom Bundesarbeitsministerium und der Bundesagentur für Arbeit gefördert wird. Auch die Arbeitskammer des Saarlandes zählt nun zu den Förderern. Am vergangenen Dienstag wurde ein entsprechendes Kooperationsabkommen mit der spanischen Botschaft in Saarbrücken unterzeichnet.



Mittlerweile sind von den ursprünglich 50 Spaniern noch 30 übrig, davon ein Drittel Frauen, zwei Drittel Männer. Die anderen haben aufgegeben und sind nach Spanien zurückgekehrt. Andere haben die Ausbildung abgebrochen, weil sie einen Job gefunden haben, berichtet Dunja Schneider, Projektleiterin bei Mobi-Pro-EU. Sie spricht perfekt Spanisch. Schneider ist damit aufgewachsen. Als sie ein kleines Kind war, wanderten ihre Eltern mit ihr nach Alicante aus. Nun nutzt sie alte Kontakte und Freundschaften, um spanische Lehrlinge anzuwerben. Und das wird dankbar angenommen, denn die Jugendarbeitslosigkeit liegt dort bei 38 Prozent.

Matias Monzo hatte von Deutschland so gut wie keine Ahnung, bevor er hierher kam, wie er sagt. „So wie ihm geht es vielen“, sagt Dunja Schneider: „Die sprachlichen Vorkenntnisse sind sehr unterschiedlich, deshalb machen die jungen Leute in Spanien erstmal einen Deutschkurs.“ Die Sprache allein sei aber nur eine Hürde von vielen. „Viele sind noch nie im Ausland gewesen und haben nicht mal ihre Region verlassen. Nun sind sie in Deutschland auf sich allein gestellt, müssen zum ersten Mal einen Haushalt führen – und dann noch den Einstieg ins Berufsleben bewältigen“, sagt Schneider: „Das würde auch jedem von uns schwerfallen.“

Darum bieten Mobi-Pro-EU wie auch das Christliche Jugenddorf (CJD) in Homburg  eine Art „Rundum-Betreuung“ für die jungen Frauen und Männer aus Spanien an. „Wir kümmern uns um eine Wohnung, die Krankenversicherung, die Haftpflichtversicherung, wir besorgen auch eine Monatskarte, wenn es sein muss“, sagt Schneider. In allen arbeitsrechtlichen Fragen steht zudem nun die Arbeitskammer als Ansprechpartner zu Verfügung. Vor allem Fragen rund um Urlaub und Arbeitszeit interessieren die Jugendlichen.

Matias Monzo ist inzwischen von Homburg nach Saarbrücken gezogen und lebt mit einem spanischen Kumpel in einer Wohngemeinschaft in Alt-Saarbrücken. Da kommt ihm zugute, dass die  VSE in der Hohenzollernstraße nicht so weit weg ist. Mittlerweile ist er im dritten Lehrjahr und wird seine Ausbildung wohl im Frühjahr 2019 abschließen.

Rund zehn Ausbildungsberufe sind im Förderprogramm. Das reicht vom Zerspannungstechniker über Koch bis zum Lebensmitteltechniker. Darunter sind auch sogenannte Mangelberufe, wo es an Nachwuchs in Deutschland fehlt. Manch einer findet in Deutschland sogar seinen Traumberuf. Sarah Stark vom CJD berichtet von einem jungen Spanier, der in Zweibrücken Fahrradmechaniker lernt. „Der ist so glücklich hier und will mit seinem deutschen Kumpel am liebsten den ganzen Tag Fahrrad fahren. Den Beruf hätte er in Spanien nie lernen können, weil es den dort gar nicht gibt“, erklärt Stark.

Eine Herausforderung aber müssen alle jungen Spanier hier bewältigen: das Zeitmanagement. Und das macht vielen Probleme, wie Schneider sagt. „Wir Deutsche haben ja eine tickende Uhr in uns, die Spanier nicht. Langfristige Planung ist ihnen völlig fremd. Wenn Sie erfahren, dass sie hier drei Jahre lernen müssen, ist das für sie wie das Ende des Lebens.“

Matias Monzo jedenfalls ist zufrieden. „Ich bin sehr froh, dass ich hier eine Ausbildung machen kann. Vor allem der Praxisbezug gefällt mir sehr gut.“ Tatsächlich sieht die Ausbildung in seiner Heimat Spanien kaum Praxis vor. „Man macht acht, neun Monate eine Fachschule, dann ein Praktikum und das war es“, sagt Schneider. Und wie findet Matias das Essen in Deutschland? Er lächelt erst etwas verlegen, sagt dann aber: „Das passt schon. Gar nicht so schlecht.“