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Serie Saarbrücker Geheimnisse
Vom Rittergut zum Kinderheim

Herbert Saar kennt als Mitarbeiter die Geschichte des Jugendhilfezentrums, von der auch die Zeilen auf der Steintafel neben ihm erzählen.
Herbert Saar kennt als Mitarbeiter die Geschichte des Jugendhilfezentrums, von der auch die Zeilen auf der Steintafel neben ihm erzählen. FOTO: Elena de F. Oliveira
Saarbrücken. Saarbrücker Geheimnisse: 1227 beginnt die Geschichte dieses besonderen Hauses. Eine Steinplatte zeugt von zahlreichen Veränderungen. Von Elena de F. Oliveira

Da hilft auch kein „Sesam, öffne dich“: Das Renaissanceportal am Haus des Jugendhilfezentrums in Saarbrücken bleibt verschlossen. Der braune Rahmen ist außen rechteckig; die innere Öffnung formt oben eine geschweifte Klammer und fasst statt einer Tür eine steinerne Tafel ein. Über der Tafel steht die Zahl 1561 geschrieben, und auf der Platte selbst wurde über die gesamte Fläche eine lange Inschrift eingraviert, die – mit einem „i“ zu wenig und einem „v“ zu viel – über die Geschichte des Ortes informiert.


Diese beginnt mit der Errichtung des Hauses im Jahr 1227, „Als Stiftung der Ordenskomturei des Deutschherrn-Ritterordens durch Graf Simon III“. Die Inschrift fährt fort, dass „das Haus nach einer Versteigerung durch die Franzosen im Jahre 1804 durch Ankauf 1896 an die Stadt Saarbrücken“ kam. Über die weitere Entwicklung heißt es: „Im Jahre 1897 wurde das von der Saarbrücker Bürgerschaft 1836 als Waisenhaus gegründete Prinz Wilhelm und Mariannen-Institut hierhin verlegt. Hier verblieb es in ungestörter Entwicklung, bis der nahe Frontverlauf des Zweiten Weltkriegs eine erste Evakuierung nach Thüringen von Ende August 1939 bis Juli 1940 erforderlich machte. Schwere Bombennächte und Artilleriebeschuss gefährdeten im Jahre 1944 wiederum das Leben der Kinder, so dass eine erneute Verlegung notwendig war.“ Die Inschrift endet mit den Zeilen: „Nach der Beseitigung der schweren Kriegsschäden wurde das Haus 1945 wieder bezogen und in den Jahren 1953 bis 1959 umgebaut und wesentlich erweitert. Am 18.7.1958 erfolgte die Umbenennung in „Kinderheim der Stadt Saarbrücken“.

„Im Zuge des Umbaus in den 1950er-Jahren wurde auch eben jene Steinplatte hier angebracht“, ergänzt Herbert Saar, der als Gruppen- und Elternberater im Jugendhilfezentrum tätig ist. Das Portal, in dessen Öffnung die Tafel sitzt, ist jedoch schon deutlich älter, worauf die Jahreszahl 1561 bereits hinweist. Es handelt sich dabei um ein Relikt aus dem Vorgängerbau. Wie der Inschrift zu entnehmen ist, ließen sich im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts die Ritter des Deutschherrenordens auf dem Gelände nieder, die sich dort der Fürsorge und Pflege von Kranken und Bedürftigen widmeten. Es entstanden drei Gebäudekomplexe: eine Kapelle im Norden, eine Scheune im Süden und dazwischen der Wohntrakt, das sogenannte Deutschherrenhaus. Letzteres ließ Geiselbart Schenk von Schmidburg, der Mitte des 16. Jahrhunderts als Komtur die Leitung und Verwaltung des Gutes innehatte, in den Jahren 1557 bis 1561 neu errichten. Gute 300 Jahre später wurde das Haus 1870 zerstört und danach stark verändert wiederaufgebaut. „Dabei fanden einige der architektonischen Elemente aus dem Vorgängerbau bewusst erneut Verwendung, wie eben auch das Renaissanceportal“, sagt Herbert Saar.



Die baugeschichtliche Entwicklung der Deutschherrenkommende und die Geschichte des heute dort ansässigen Jugendhilfezentrums liefen schließlich 1896 zusammen, als das bereits 50 Jahre zuvor als „Armen-, Erziehungs- und Waisen-Anstalt“ gegründete „Prinz Wilhelms- und Mariannen-Institut“ auf das Areal zog. In diesem wurden die Kinder mit wilhelminischer Strenge erzogen. Die Festschrift des Jugendhilfezentrums anlässlich des 100-jährigen Bestehens 1996 zitiert einen Zeitungsartikel von 1846, in dem es heißt: „Der Zweck des Instituts ist, die Kinder armer Eltern unter ihre besondere Aufsicht und Leitung zu nehmen, sie von physischem und moralischem Verderben möglichst zu bewahren, sie insbesondere dem nachtheiligen Einfluß des bösen Beispiels ihrer gewöhnlichen Umgebung zu entziehen, ohne sie jedoch dem Familienleben zu entfremden, sie sodann an Fleiß und Ordnung zu gewöhnen und zu nützlichen Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft wie zu würdigen Gliedern der christlichen Gemeinschaft heranzubilden.“

Die Mädchen und Jungen waren in zwei getrennten Schlafsälen untergebracht. Im Sommer mussten sie um 5 Uhr morgens aufstehen, im Winter war ihnen eine Stunde mehr Schlaf vergönnt. Die Kinder führten ein einfaches Leben: Sie trugen alle die gleiche zweckmäßige Kleidung, und zu essen gab es meist Suppe, Gemüse und Brot. Streiten oder Schimpfen waren verboten, und es gehörte selbstverständlich zu den Aufgaben der Schützlinge, im Stall, im Garten und im Haushalt mitzuhelfen. Die Wiederangliederung des seit dem Versailler Vertrag unter Völkerbundsmandat stehenden Saarlandes an das Deutsche Reich 1935 brachte es mit sich, dass die Jungen in die „Hitlerjugend“ und die Mädchen in den „Bund Deutscher Mädel“ eintreten mussten.

Die Schäden, die der Zweite Weltkrieg an den Gebäuden des Heimgeländes hinterlassen hatte, konnten danach zügig behoben und die Kinder, die von ihrer Evakuierung zurückkehrten, bald wieder dort untergebracht werden. Wie auch der auf der Steinplatte befindlichen Inschrift an ihrem Ende zu entnehmen ist, wurde die Einrichtung ein gutes Jahrzehnt später umbenannt. „Zunächst hatte sie Waisenhaus geheißen und dann Kinderheim der Stadt Saarbrücken“, führt der Diplom-Soziologe aus. Die Chronik des Heims ist mit der Namensänderung 1958 jedoch keinesfalls abgeschlossen.

„Schon zuvor hatte der damalige Waisenhausvater klargemacht, dass die räumliche Situation nicht mehr tragbar ist“, erzählt Saar. Daher wurde dem Gelände von 1953 bis 1961 unter der Leitung des Architekten und Saarbrücker Stadtbaumeisters Peter Paul Seeberger ein weiterer Gebäudetrakt hinzugefügt. Im Laufe der Zeit änderte sich jedoch das Heimkonzept – vor allem die 1970er-Jahre gelten als Dekade pädagogischer Reformen – und damit auch die baulichen Ansprüche, sodass das „Seeberger“- Gebäude um 1980 bereits wieder abgerissen wurde, um dem Neubau von sogenannten Familiengruppenhäusern Platz zu machen. In diesen wohnen seither nach dem lebensnahen Familienprinzip Kleingruppen von neun Kindern und Jugendlichen, die von einem Erzieher- Team betreut werden, im Alltag mehr oder weniger autonom sind und sich selbst versorgen. Bis in die späten 70er-Jahre waren die Küche, die Wäscherei und der Einkauf zentral organisiert gewesen. Im Zuge dessen änderte sich 1980 auch der Name in Jugendhilfezentrum. Am pädagogischen Puls der Zeit steht bis heute die Fürsorge für Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt. Und die Arbeit an diesem Ort steht somit in der Tradition des sozialen Engagements und des Dienstes an der Gesellschaft, für die die Ritter des Deutschen Ordens einst den Grundstein legten. Das Renaissanceportal erinnert noch heute an dieses historische Erbe.