| 20:24 Uhr

Garelly-Haus
Vom Leben mit der „höflichen Beleidigung”

Wie leben Muslime im Saarland? Eine Diskussionsveranstaltung gewährte Einblicke (Symbolbild).
Wie leben Muslime im Saarland? Eine Diskussionsveranstaltung gewährte Einblicke (Symbolbild). FOTO: dpa / Monika Skolimowska
Saarbrücken. Junge Muslime berichten aus ihrem Leben im Saarland. Und von Lob, das auf falsche Erwartungen schließen lässt. Von Laura Vordermayer

Zwei junge Frauen kreisen um einen leeren Stuhl. Sie gehen langsam, aber mit festen Schritten, den Blick ins Publikum gerichtet. Abwechselnd antworten sie auf die Frage, wie emanzipiert sie denn leben. „Jeder ist anders”, sagt Emane A. (14), und: „Ich gehe gerne schwimmen.” Maryam Bonakdar (23) hebt die Stimme: „Ich bin frei.” Dann betritt Aishah Allou (14) die Bühne, und die drei Frauen rücken für ein Bild zusammen. Wer die Frage gestellt hat, wissen sie nicht – aber sie haben sie schon oft in ihrem Leben gehört. Emane, Maryam und Aishah sind Musliminnen.


Für Freitag hatten die Beteiligten am vom Bund geförderten Modellprojekt „isaar – Islam im Saarland, saarländischer Islam!?” zu einer Veranstaltung ins Garellyhaus eingeladen. Zuständig für „Isaar“ ist die Forschungs- und Transferstelle Gesellschaftliche Integration und Migration an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW).

Die Mitarbeiter hatten zuvor gelbe Boxen aufgestellt. Sie standen in der Frauengenderbibliothek, in der Begegnungsstätte „welt:raum” am St. Johanner Markt und im Verein DAJC („Der Andere Jugendclub). In diese Boxen steckten Menschen anonym Zettel mit ihren Fragen an Muslime und Musliminnen. Der Saarbrücker Theaterregisseur Eugen Georg wertete die Fragen mit einer Gruppe von Jugendlichen aus und verfasste mit den  jungen Leuten kurze Dialoge. Schon in der ersten Szene machten die Schauspieler deutlich, dass es viele Antworten auf eine Frage gibt.



Karin Meißner, die Leiterin des Projekts, will Vorurteile aufbrechen. „Es gibt immer noch oft stereotypische Ansichten darüber, was Muslime sind, wie sie leben, und das wird praktisch als Gegensatz gesehen: Wenn man deutsch ist, kann man nicht muslimisch sein”, sagte Meißner. Durch die Zusammenarbeit mit Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe und durch Veranstaltungen wie Poetry-Slams oder den Abend im Garellyhaus soll „isaar“ den vermeintlichen Gegensatz aufheben.

Nach der Aufführung kamen Zuschauer und Schauspieler ins Gespräch. Sofort ging es um einen Gegenstand, um den sich einige der anonymen Fragen drehen: das Kopftuch. Für Maryam Bonakdar gehört es zu ihrer Persönlichkeit und symbolisiert ihre Werte. Die Gesellschaft gebe ihr aber oft das Gefühl, durch ihre Entscheidung für das Kopftuch anders zu sein und deshalb auch mehr leisten zu müssen.

Sie berichtete von Einstellungsgesprächen, in denen der Personalmanager sie plötzlich auf das Kopftuch reduziert habe: „Ich habe schon öfter gehört, dass ich für den Job geeignet wäre. Aber eben nicht mit Kopftuch.”

Habib Flaha, Mitglied in Georgs Theatergruppe „Morgen Wird Schöner“, erzählte von der „höflichen Beleidigung”, die er in Deutschland oft erlebt habe. Etwa, wenn Menschen ihm wohlwollend bescheinigen, er sei ja wie ein Deutscher – und damit meinen, er sei ein guter Mensch.

Genau das ist Georg zufolge das Problem: „Menschen gehen davon aus, dass eine Gesellschaft homogen ist. Das ist aber nie der Fall.”

Auch der Islam hat viele Facetten, so viel ist an diesem Abend klar geworden. Maryam Bonakdar sieht Vielfalt als Bereicherung. „Der Adler ist groß genug, da passen wir alle drunter”, sagte die Psychologiestudentin zum Abschluss.