| 20:37 Uhr

Kolumne So kann’s gehen
Vom Kreuzfahrt-Idyll zum Schlachtschiff

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Unterwegs auf offenem Meer traue ich meinen Augen nicht, was sich an Bord zu Herrgotts früher Zeit so alles zuträgt. Der Kampf um Bananen und Spiegeleier. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

Die Schlacht am Frühstücksbüfett – das ist echt nichts für mich. Kann mich ja kaum aufrecht halten zu dieser erbärmlich frühen Stunde. Schließlich ist es gerade erst viertel vor zehn. Und dann soll ich mich mit anderen ums Essen prügeln? Nee, mit mir nicht!


Mit verrotzten Augen hänge ich, kaum zu einer Regung fähig, noch völlig schlaftrunken überm Pott Kaffee. Minutenlang rühre ich stoisch mit meinem Löffel darin herum. Völlig ohne Bewandtnis: Ich trinke ihn schwarz. Schon immer.

Ich sitze im großen, vollbesetzten Selbstbedienungsspeisesaal mit dem Charme einer Großkantine an Bord eines Kreuzfahrtschiffes mit 5000 Passagieren. Um mich herum hektische Betriebsamkeit. Ich schaue zu, wie Menschen randvoll zugeschaufelte Teller jonglieren und vergebens nach einem freien Sitzplatz Ausschau halten, dabei ziellos umherirren.

Ich bin fasziniert, was Hungerleider so alles auf einen Teller packen. Hat ihnen niemand gesagt, dass sie mehrmals zur Theke schreiten dürfen, Nachschlag erlaubt ist? Da schwimmt das Croissant in der milchigen Brühe des Bircher Müslis. Daneben lieblos etwas Obstsalat drapiert, mit zwei Bratwürstchen gespickt. Ein Klecks Erdbeermarmelade am Rand. Die Tomatensoße der dicken Bohnen vereinigt sich soeben mit ihr. Das Gesamtkunstwerk bedecken gleich mehrere Scheiben Räucherlachs. Unterwegs auf erfolgloser Sitzplatzsuche wird, mit offenem Munde kauend, ein Stück Sandkuchen verdrückt.

Mein Blick schweift in die andere Richtung. Dort spitzt sich soeben die Lage zu: An der Stelle, wo frisches Obst aufgefahren wurde, schlagen sich Gäste um die letzten Bananen. Sie werden für den gleich anstehenden Landausflug gehortet. Ein Crewmitglied sorgt eilig für Nachschub, kommt aber gar nicht erst bis zum Tresen. Schon stürzt sich die Meute auf ihn, als handle es sich um ein seltenes Gut der DDR-Mangelwirtschaft. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie sich der zierliche Kerl mit letzter Kraft unverletzt in Sicherheit bringt.



Am Nachbartisch versorgt sich unterdessen eine Dame mit Lebensmitteln. Was sie da alles in ihre Handtasche stopft, lässt darauf schließen, dass sie vom Landgang nie wieder zurückkehrt. Aus einer Schale tröpfelt sie geschickt Suppe in unzählige Glasfläschchen, die sie sodann verschraubt. Sie schmiert ein Brot nach dem anderen und packt diese in Papierservietten. Auch sie wandern in die mittlerweile mächtig ausgebeulte Umhängetasche.

Mir gegenüber sitzt eine Mitreisende, die fast mit dem Gesicht im Essen liegt. Ich will sie nicht beobachten, bin aber fasziniert, wie sie das üppige Mahl vertilgt. Wie bei einem Unfall: Man will partout nicht hinschauen, kann aber den Blick nicht davon lassen. Ich traue meinen Augen nicht, als sie mit der Gabel das Spiegelei zum Munde führt, dieses in Gänze wie durch einen Saugnapf in der Kauluke verschwindet. Ich starre sie auch nach getanem Werk noch fassungslos an.

Mittlerweile bin ich hellwach. Und verlasse das Schlachtschiff. Und warte gespannt aufs Abendessen.