.Interview mit Thosten Nagelschmidt: Vom Basteln der Erinnerung und dem Sommer 1999

.Interview mit Thosten Nagelschmidt : Vom Basteln der Erinnerung und dem Sommer 1999

Vom Muff-Potter-Frontmann zum Autor. Am Freitag stellt Thorsten Nagelschmidt „Der Abfall der Herzen“ vor.

Bis 2009 war Thorsten Nagelschmidt Frontmann der Deutschpunk-Band Muff Potter. Heutzutage stellt er Linoldrucke her und schreibt Bücher. Im Februar erschien im S. Fischer-Verlag sein dritter Roman „Der Abfall der Herzen“. Am Freitag macht er auf seiner Lesereise Station in Saarbrücken.

Ist die Aufregung und innere Unruhe vor einer Lesung vergleichbar mit der vor einem Konzert?

Thorsten Nagelschmidt: Ja, durchaus. Sie kann sogar noch größer sein, weil man alleine auf der Bühne ist. Das heißt, es ist niemand da, der einen auffangen kann. Es ist schon schön, wenn ein Schlagzeuger hinter einem sitzt und den Beat vorgibt, auf dem man in den besten Momenten nur noch surfen muss. Wenn bei einer Lesung viele Freunde oder Menschen sind, die einem wichtig sind oder man schlecht geschlafen hat und nicht ganz so konzentriert ist, weiß man, dass alles an einem selbst hängt. Wenn es dann gut läuft, ist es andererseits doppelt so toll. Der ganze Applaus ist für einen selbst. Man kann ihn behalten und muss ihn nicht teilen. (lacht)

Haben Sie bei Lesungen auch eine Gitarre dabei, oder ist der Abend nur dem Autor Thorsten Nagelschmidt gewidmet?

Thorsten Nagelschmidt: Ganz am Anfang hatte ich mal eine Gitarre dabei - mittlerweile nicht mehr. Das wurde mir zu kleinkunstmäßig. Der Fokus liegt auf meinem Roman, wobei ich auch Fotos zeige. Ich lese also nicht nur stundenlang aus meinem Buch, sondern habe auch etwas Programm. Meine Lesung soll keine normale Wasserglas-Literaturveranstaltung sein, sondern eine positive Form von Entertainment darstellen. Ich weiß, das ist ein schwieriger Begriff in Deutschland. Aber ich bin der Meinung, man darf den Begriff Entertainment nicht Pro7 überlassen. Es gibt gutes und nicht dummes und Spaß machendes Entertainment - so wie bei guten Konzerten.

Wovon handelt „Der Abfall der Herzen“?

Thorsten Nagelschmidt: Es geht um den Sommer 1999 und den Sommer 2015, in dem ich versuche, den Sommer 1999 zu rekonstruieren. Das große Thema des Buches ist: Wie funktioniert Erinnerung? Was ist Fiktion und was Autobiographie und sind die Grenzen zwischen beidem nicht fließend?

In dem Buch vermischen Sie Biografisches mit Fiktivem. Stellt es eine schönere und spannendere Realität dar?

Thorsten Nagelschmidt: Ich weiß nicht, ob es schöner oder spannender ist. Die Realität ist oft schon sehr spannend. Was ich bei der Beschäftigung mit 1999 gelernt habe, ist dass ich meine eigene Autobiografie nur als Fiktion erzählen kann. An 1999 konnte ich mich sehr wenig erinnern, aber ich hatte sehr viel aufgeschrieben. Was zu bizarren Erlebnissen führte, dass ich meine Handschrift zwar erkannte, aber hätte schwören können, noch nie von dem gehört zu haben, was ich aufgeschrieben hatte. Ich habe dann ehemalige Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und Vermieter aus jenem Jahr interviewt und tausend verschiedene Versionen dieses Sommers zusammengetragen. Aus diesem Material habe ich mir meinen Sommer gebastelt, der natürlich nicht ganz genau so gewesen ist, aber er könnte so gewesen sein.

Was auch daran liegen mag, dass wahrscheinlich jeder seine eigene,
subjektive Version der Ereignisse abgespeichert hat.

Thorsten Nagelschmidt: Genau. Teilweise ging es bei den Details sehr weit auseinander. Ich will niemandem unterstellen, dass er absichtlich etwas aufbauschen oder weglassen wollte. Aber das macht das menschliche Gehirn mit Erinnerungen: Wir wollen, dass alles einen Sinn ergibt, eins zum anderen führt und es eine Stringenz und Chronologie gibt. So bauen wir uns unsere Erinnerungen im Rückblick  zusammen. Jeder hat letztlich seine eigene Version davon. Wir alle leben in lauter Fiktionen; es gibt diese eine Wahrheit gar nicht.

Auftritt am Freitag, 27. April, 20.30 Uhr, in der Camera zwo in der Futterstraße Saarbrücken.
www.popp-concerts.de
www.camerazwo.de
www.thorstennagelschmidt.de

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