| 16:43 Uhr

Nach Sportunglück in St. Arnual
Amputation: Ex-DFB-Arzt spricht von Pfusch

Stefan Schmidt trotz der Amputation wieder in seinem Element: Der Fußballer hat sich in den Sport zurückgekämpft, hier in Braunschweig.
Stefan Schmidt trotz der Amputation wieder in seinem Element: Der Fußballer hat sich in den Sport zurückgekämpft, hier in Braunschweig. FOTO: Stefan Schmidt
Saarbrücken. Schwere Vorwürfe gegen evangelisches Krankenhaus. Unterschenkel des Fußballers Stefan Schmidt hätte gerettet werden können. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

Stefan Schmidt ist heute bei Amputiertenspielern international unterwegs, hat nach viel Unterstützung seiner Vereinskollegen sowie durch zahlreiche Benefizaktionen den Weg zurück in den Sport gefunden. Damit auch seine Lebenslust.


Was den 24-Jährigen allerdings erschüttert, ist eine Passage im aktuellen Anwaltsschreiben des Evangelischen Krankenhauses. Dort war Schmidt nach seinem Sportunfall behandelt worden. Anwalt Sven Lichtschlag-Traut bezieht sich auf eine Fernsehsendung, die zeigt, wie souverän Schmidt mit seiner Behinderung umgeht. Somit sei seine Forderung von 100 000 Euro Schmerzensgeld überzogen. Schmidt: „Das ist eine absolute Frechheit. Ich war enttäuscht, traurig, sauer.“ Damit werde bagatellisiert, wie viel Kraft es koste, sich ins Leben zurückzukämpfen.



Auslöser dafür: Ärztliche Inkompetenz bei der Ankunft in der Notaufnahme, gravierende Mängel bei der Operation, Versagen bei anschließender Behandlung inklusive viel zu spät gestellte Diagnose. Das alles soll zu folgenschweren Komplikationen geführt haben. Das zumindest hält Dr. Stefan Schuh den Verantwortlichen des Krankenhauses in Saarbrücken vor. Der ehemalige DFB-Arzt spricht von „massivem Kompetenzmangel“. Der Völklinger ist überzeugt, dass bei einwandfreier Behandlung der Unterschenkel des St. Arnualer Fußballspielers hätte gerettet werden können. Der 56-Jährige: „Es handelte sich um eine Fraktur des rechten Unterschenkels, wie er in diesem Sport immer wieder vorkommt.“ Nach Durchsicht der Behandlungsakten stehe für den Mediziner fest, dass es eindeutig zu Behandlungsfehlern gekommen ist.

Schuh spricht von „grobem Behandlungsfehler“. Schon kurz nach Einlieferung des jungen Mannes in die Klinik seien erste begangen worden. So soll es Standard sein, dass sich zwei Ärzte bei der Operation um den Patienten kümmern. Schuh: „Bei Stefan war es ein Arzt und ein Pfleger.“ Sie hätten „über eine Stunde probiert“, die Knochen an der Bruchstelle zusammenzubekommen. Erst als all das nichts half, habe der Arzt den diensthabenden Mediziner hinzugerufen. Entsprechende OP-Protokolle belegten, wie lange erfolglos herumgedoktert wurde.

Dr. Stefan Schuh, ehemaliger DFB-Arzt. Foto: Kilian Schuh
Dr. Stefan Schuh, ehemaliger DFB-Arzt. Foto: Kilian Schuh

Erschwerend komme hinzu, sagt der Sportmediziner, dass der damals 23-Jährige während der langwierigen, hilflosen Versuche viel zu lange Röntgenstrahlen ausgesetzt worden sei. „Die haben den Kerl gegrillt.“

Damit nicht genug: Kurz bevor Schmidt unters Messer kam, sollen die Ärzte eine Blutsperre angelegt und gefüllt haben. Dies hält Schuh für unnötig, da es sich nicht um einen offenen Bruch gehandelt habe, bei der hätte eine Blutung gestoppt werden müssen. „Das ist heute nicht mehr üblich.“ Für den einstigen DFB-Mediziner darüber hinaus nicht nachzuvollziehen: „Über zwei Stunden haben die das gemacht. So lange, dass Gewebe abstirbt, Nerven und Blutgefäße geschädigt werden.“

Fotos von Fußballer Stefan Schmidt FOTO:

Stefan Schmidt klagte nach der Operation über „massivste Schmerzen“ im verletzten Bein. Diese sollen nur nach Einnahme von Morphin nachgelassen haben. Stunden seien verstrichen, bis ein gefährliches Kompartment-Syndrom diagnostiziert wurde, welches Ärzte bereits während der Morgenbesprechung festgestellt haben sollen. Dabei handelt es sich um einen überhöhten Druck im Gewebe, der Blutgefäße, Muskeln und Nerven schädigt.

Erst nach all diesen Fehlern kam der Sportler zur Gefäßchirurgie der Winterberg-Klinik. Doch da war es schon zu spät: Die Ärzte konnten seinen Unterschenkel nicht mehr retten. Stefan Schuh ist davon überzeugt, dass es hätte gar nicht so weit kommen müssen, wenn ein Unfallchirurg am Tag der Einlieferung im Evangelischen Krankenhaus gewesen wäre. Aus den Dienstplänen gehe hervor, dass dies nicht so war.

Stefan Schmidt am 6. Juli 2017 im Krankenzimmer der Klinik auf dem Saarbrücker Winterberg. Am 9. Juni hatte er nach schwer wiegenden Komplikationen seinen rechten Unterschenkel verloren.
Stefan Schmidt am 6. Juli 2017 im Krankenzimmer der Klinik auf dem Saarbrücker Winterberg. Am 9. Juni hatte er nach schwer wiegenden Komplikationen seinen rechten Unterschenkel verloren. FOTO: Matthias Zimmermann

Unterdessen weist die Stiftung Kreuznacher Diakonie als Träger des betroffenen Hauses alle Schuld von sich. In ihrem Auftrag schreibt der Saarbrücker Rechtsanwalt Sven Lichtschlag-Traut als Erwiderung zur Schmerzensgeldklage ans Landgericht: „Die Klage ist unbegründet. Dem Kläger stehen die geltend gemachten Ansprüche nicht zu.“ Der ebenfalls aus Saarbrücken stammende Advokat Marc Herbert, der Stefan Schmidt vertritt, fordert von der Klinik im Namen seines Mandanten 100 000 Euro wegen des Ärztefehlers. Indes sieht es die Gegenseite ganz anders: Lichtschlag-Traut schreibt ans Gericht, dass Schmidt „jederzeit ordnungsgemäß behandelt worden ist“. Die Operation sei korrekt verlaufen. Zwar sei es zu einem Kompartment-Syndrom gekommen, dabei handle es sich allerdings um ein „allgemeines Risiko“.

Sportmediziner Stefan Schuh kritisiert: „Ich halte das Diakonie-Verhalten für nicht in Ordnung.“ Es gebe kein Fehlermanagement. Zudem bezweifelt er, ob das saarländische Gesundheitsministerium die Klinik wegen des Personalmangels weiterhin als Notfallkrankenhaus führen sollte.