susan Ebrahimi über Schlager und eine neue Reihe im Kunstwerk

Interview Susan Ebrahimi : „Rock ’n’ Roll ist ja auch nicht nur Elvis“

Die Sängerin und Label-Chefin über Vorurteile gegen Herz-Schmerz, den Erfolg des deutschen Schlagers und ihre neue Reihe im Saarbrücker Kunstwerk.

Am 15. November startet im Saarbrücker Kunstwerk, dem Kulturbistro in der Scheidter Straße, eine etwas aus dem üblichen Rahmen fallende neue Konzertreihe: die „Schlagerzeit“. Die Saarbrücker Sängerin Susan Ebrahimi, zugleich Inhaberin des Labens Klondike Records, hat sich das ausgedacht. Sechsmal im Jahr will sie im Kunstwerk Schlagerkünstler, bekannte und unbekannte, präsentieren und demonstrieren: Der Schlager lebt. Wir haben nachgefragt.

Sie haben sich da ein für Saarbrücken ganz neues Format ausgedacht: Schlager auf der Kleinkunstbühne. Wie kam es zu dieser Idee?

Susan Ebrahimi: In vielen Orten und Städten in Deutschland haben sich vor einigen Jahren kleine Veranstaltungen etabliert. Einige sind heute richtige Kult-Events und manche haben sich sogar zu Großveranstaltungen mit über 10 000 Besuchern entwickelt. Jetzt wollen wir in der Malzeit mal sowas versuchen. Jeder fängt klein an. . .

Wie wird so ein Schlager-Abend im Kunstwerk aussehen?

Susan Ebrahimi: Wir stellen an diesen Abenden jeweils drei Künstlerinnen und Künstler vor. Einer oder eine davon wird ein bekannter Name sein.

Mal etwas provozierend gefragt: Gibt es ihn überhaupt noch, den typischen deutschen Schlager – jenseits von Helene Fischer oder Mallorca-Ballermann-Partygesängen?

Susan Ebrahimi: Es ist schade dass es dieses Vorurteil gegen den Schlager immer noch gibt. Rock ’n’ Roll war ja auch nicht nur Elvis, nicht nur die Beatles machten Beatmusik. Längst hat eine neue Generation von Produzenten und Kreativen das Zepter übernommen. Die Leute, die mit Erfolg internationale Musik in Deutschland produzieren, arbeiten mit identisch den gleichen Sounds und Arrangements im Genre deutschsprachige Musik. Und das Publikum dafür gibt es. Die Verkaufszahlen sprechen eine deutliche Sprache. Mancher sogenannter Schlagerkünstler stellt mit seinen Verkaufszahlen internationale Popkünstler in den Schatten. Naja, und Mallorcamusik ist eben Mallorcamusik. Es gibt auch beim Schlager viele Genres. Bei einer Olympiade wirft man ja auch nicht den 100 Meter Lauf mit dem 10 000 Meter Lauf in einen Pott.

Trotzdem: Sogar SR3, jahrelang die Heimat des Schlagers hierzulande, spielt seit ein paar Jahren kaum noch Lieder aus dem Herz-Schmerz-Genre und hat damit Erfolg. Trotzdem haben Sie vor einiger Zeit Klondike-Records gegründet mit dem ausdrücklichen Ziel, Schlager zu produzieren. Warum?

Susan Ebrahimi: Das Eine ist SR 3. Wie die sich positionieren ist die Entscheidung des Managements des SR. Das andere ist, dass während der Umorientierung des SR eine Entwicklung stattgefunden hat, die im Saarland nicht so ganz wahrgenommen wurde. Eine große neue Musikfirma, Telamo, hat sich etabliert, das deutsche Musikfernsehen in Berlin ist entstanden, ebenfalls in Berlin haben die Sender B2, Radio Paloma und Schlagerplanet konstant wachsende Hörerzahlen. Und sogar die Giganten unter den Funkanstalten, wie NDR, MDR oder der Bayerische Rundfunk haben seit zwei, drei Jahren im DAB Bereich komplette 24-Stunden-Programme mit konservativer deutscher Musik. Und nicht zu vergessen: Im Saarland haben wir einen Sender (Schlagerparadies) der bundesweit zu hören ist und mit mehr als nur beeindruckenden Zahlen von annähernd 1,5 Millionen Hörern.

Sie selbst haben ihr Bühnenleben als Chanson-Sängerin begonnen und über die Jahre etliche schöne Programme gemacht. Woher kommt die Wende zum Schlager?

Susan Ebrahimi: Die schönen Bühnenprogramme (Danke für das Lob) sind ja nicht vorbei. Es ist auch keine Wende. Es ist ein zusätzliches Genre um weitere Wege in der Musik zu gehen. Immer wieder gibt es bundesweit z.B. Chanson-Konzerte. Nicht so viele im Saarland – leider – dafür umso mehr in Deutschland. In meine deutschsprachigen Programme kann ich immer wieder bekannte französische Chansons einbetten und damit ein sehr sehr großes Publikum erreichen.

Sie schreiben viele ihrer Text selbst?

Susan Ebrahimi: In der 30-jährigen „Nur Chanson Zeit“ habe ich ganze fünf eigene Texte platziert bekommen. In der Zeit des „Schlagers“ und von Klondike habe ich bereits über 180 Veröffentlichungen und schreibe inzwischen auch für viele andere Künstler. Mit 180 französischen Texten kann in Deutschland niemand etwas anfangen. In deutsch übersetzt und neu gestaltet schon. Es ist also keine Wende sondern eine weitere wichtige Facette in meinem Leben. Eine Facette die Spaß macht.

Und Klondike hat Erfolg?

Susan Ebrahimi: Gerade stehen die vier Schwerpunkte von Klondike Records in den Top 50 der deutschen konservativen Pop Airplaycharts. Meine eigene neue Single „Parlez vous Français“ ist aktuell auf Platz 16. Vier Nummer-eins-Hits durfte ich da schon verzeichnen.

 Also kann man sagen: Der Schlager lebt?

Susan Ebrahimi: Undbedingt! Vor zwei Wochen hat Roland Kaiser innerhalb von einem Tag die Waldbühne für nächstes Jahr gleich zweimal ausverkauft – mit je 22 000 Fans. Und in Dresden waren vorige Woche innerhalb von 15 Minuten für nächstes Jahr Kaisers Doppelkonzerte mit über 50 000 Fans ausverkauft. Es wäre vermessen anzunehmen, dass uns so etwas im Saarland auf Dauer gelingt. Aber: Aller Anfang ist schwer, und wer nicht wagt der nicht gewinnt.

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