| 20:28 Uhr

Theater in Saarbrücken
Stehende Ovationen für die Premiere

<img class="rteNotetag" title="&lt;ir_note colorindex=42 text=&lt;Markus Saeftel&gt;In „Push up 1-3“ von Roland Schimmelpfennig treten die Ensemblemitglieder der Acting and Arts Company als Angestellten eines weltweit agierenden Konzerns wild um sich auf der Karriereleiter – bitter für die „Kollegen“, ein Genuss für die Zuschauer.&gt;" src="/js/tiny_mce/plugins/irnotes/img/note.png">Saarbrücken. Die Schauspielklasse II von acting an arts brilliert bei der Aufführung von „Push up“ von Roland Schimmelpfennig. Von Anja Kernig

„Ich habe hier übrigens tatsächlich versucht, ein Klima von freundlicher Sachlichkeit, Kollegialität und Professionalität herzustellen.“ Alles wahr. Alles gelogen. Eigentlich hasst die Firmenchefin dieses junge Ding, Sabine, die mit ihren 28 Jahren schon in halb Asien Karriere gemacht hat und nun auf den fetten Posten in Delhi scharf ist. Doch daraus wird nichts. Und auch dieses klärende Gespräch hier oben im 16. Stock, der Chefetage des „Mutterhauses“, ist nur eine Farce. Es beginnt mit Smalltalk und endet damit, dass die Ältere der Jüngeren die nicht angerührte Tasse Kaffee ins Gesicht schüttet. Und nebenbei entlässt.


Es ist der emotionalste Moment dieses Abends, eine Entgleisung im geleckten, sterilen Businessmilieu, wo man gefälligst den Schein zu wahren hat, auch wenn das Drama der eigenen Existenz jeden Moment aus Gesicht und Herz heraus zu brechen droht. Mitleid verdienen die uniform-grauen Kostüm- und Anzugträger laut „acting and arts“-Leiterin Petra Lamy trotzdem nicht: „Da existiert ja durchaus Lust an der Macht.“ Das war 2001 so, als das Aufsteigerdrama von Roland Schimmelpfennig uraufgeführt wurde. Und könnte Anno 2017 kaum aktueller sein, schaut man gen Berlin an die Koalitionstische.

Der Autor selbst nannte „Push up“ eine Abrechnung „mit den 90er Jahren der Bundesrepublik, in denen sich alle nur noch um den Karrieretrip scherten, ums reine Funktionieren“. Für die Meisterstudenten der Schauspielklasse II ist dieses Stück ein Fest, eine Zitterpartie – und, da sie erst unter Frischhaltefolie und später wie ein- und festgefroren als „Deko“ ausharren müssen – eine Tortur. Vier Frauen, vier Männer, die ihr Geld da draußen im „echten“ Leben als Produktmanagerin, als Versicherungskaufmann oder Referentin einer Krankenkasse gleichfalls vorwiegend am Schreibtisch verdienen. Trotzdem – die Diskrepanz zu den erfolgsgeilen Büro-Autisten, die sie darstellen, könnte nicht größer sein. Die Acht brennen für etwas, fürs Theater, und weil sie es mit Leidenschaft und Hingabe tun, verlieren Kategorien wie Laie und Profi ihren Sinn. Hier spielt die Debütantin neben dem versierten Mimen, „das soll sich mischen und gegenseitig befruchten“, unterstreicht Lamy.

Reizvoll am Stück sei für sie die Sprache gewesen, „die Dialoge sind grandios, diese Redundanz darin“. Und die Botschaft? „Diese Menschen bekriegen sich“, obwohl sie so nah aneinander dran sind. Ihre inneren, oft Wort für Wort gleichen Monologe offenbaren dem Zuschauer, dass sie dasselbe denken, fürchten, hoffen. Doch es gibt keinen Weg zum anderen, nicht einmal, wenn man sich verliebt.

Das wie immer vom Team selbst gebaute und angemalte Bühnenbild trägt dem Gemütszustand der Akteure Rechnung: ausdruckslos, funktional, unstet, wird es auf Rollen zwischen den Episoden wild hin und her bewegt. Der Umbau gleicht diesen luftig-leichten Choreographien einer Zaubershow, irgendwie chaotisch, und doch sitzt jeder Handgriff. „Chorisches Hören“, nennt es Petra Lamy und meint das symbiotische Zusammenspiel ohne Absprache, bei dem der eine fortsetzt, was der andere begonnen hat. Am Ende konnte es nur Standing Ovations für diese gelungene Premiere geben. Bevor mit Ingwer-Kokossuppe und Glühwein angestoßen wurde, dankte Benjamin Kelm stellvertretend für seine Kollegen Regisseurin Petra Lamy. Um solch eine Produktion an einer privaten Schauspielschule mit mehr als begrenzten Mitteln in die Welt zu bringen – in der gezeigten Qualität – sei „viel Herz und Seele nötig“. Chapeau!



Gezeigt wird das Stück am 20. Januar um 19.30 Uhr, am 21. Januar um 17.30 Uhr, am 24. Februar um 19.30 Uhr und am 25. Februar um 17.30 Uhr. Karten zu 12 und 17  Euro gibt es in der Dudweiler Landstraße 7. Infos: (06 81) 70 97 77 30