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Stefan Röttig, der Vielseitige am Saarländischen Staatstheater

Porträt : Ein Theatermann für fast alle Fälle

Stefan Röttig, Vater von fünf Kindern, entspannter Saarländer und seit vielen Jahren am Staatstheater engagiert. Porträt eines Vielseitigen.

Fürs Foto nur im Hemd posieren, und das draußen – im Winter?! Andere Sänger würden beim bloßen Gedanken heiser werden und den obligatorischen Schal hüstelnd enger um den Hals wickeln. Stefan Röttig dagegen zieht flott sein Jackett aus und knipst sein strahlendstes Lächeln an: „Isch bin doch kään Pienzje!“

Das offenbart gleich mehrerlei: Der Mann ist gebürtiger Saarbrücker, sympathisch unkompliziert und erfrischend bodenständig. Wobei Letzteres eventuell daran liegen könnte, dass er erst mal Schreiner gelernt hat, bevor er sich seiner Karriere als lyrischer Bariton widmete. Der Kerl kann also nicht nur singen, der kann sich auch gleich selbst die Bühne aufbauen!

Entsprechend nüchtern denkt Röttig über seinen Beruf: „Singen ist für mich ein Handwerk. Wenn man Glück hat, wird Kunst daraus.“ Und Glück habe er viel gehabt in seinem Leben, meint er. Eine Musikhochschule hat er nie besucht und dennoch diverse Wettbewerbe gewonnen, sich einen Namen als Lied- und Oratoriensänger gemacht und es als Solist 2003 fest ins Ensemble des Saarländischen Staatstheaters (SST) geschafft – ein ungewöhnlicher Werdegang, auf den er rückblickend durchaus stolz ist.

„Das soll mir erst einmal einer nachmachen“, sinniert Röttig, der als 52-jähriger Vater von insgesamt fünf Kindern seinen mittlerweile unkündbaren Status durchaus zu würdigen weiß. Einen wichtigen Erfolg verbuchte er 2004 als „Förster“ in Janáceks „Das schlaue Füchslein“ an der Oper Köln, im gleichen Jahr übernahm er die Hauptrolle in der Uraufführung der Oper „Voyeur“ von Jörg Mainka am Forum Neues Musiktheater an der Staatsoper Stuttgart mit dem Ensemble Recherche, und er wirkte an einer DVD-Produktion der Deshovov-Oper „Eis und Stahl“ beim Label Arthaus mit.

Herzlich lachen kann er heute über die Selbstüberschätzung, an der er als junger Sänger gelitten habe. „Ich wusste, ich muss singen. Mit 14 fing ich an, hatte jedoch zunächst keine großen Ambitionen. Ich wollte aber allen zeigen, wie gut ich das kann“, sagt Röttig lachend. Unterricht nahm er mit 18, sein privates Studium absolvierte er bei Anneliese Schlosshauer, George-Emile Crasnaru und Brigitta Seidler-Winkler, und er nahm an diversen Meisterkursen teil.

„Früher war ich ein Melodiemensch, Text hat mich nie interessiert. Das ist heute Gott sei Dank anders!“, sagt Röttig. Heute legt er Wert auf Interpretation und spielt mit entsprechender Leidenschaft. „Deswegen ist Theater ja so wichtig! Weil das in jedem drinsteckt: zu behaupten, ich bin jetzt der oder der.“ Wobei Röttig der Devise huldigt, dass weniger oft mehr ist: „Die Qualität, die Magie macht’s. Im echten Leben wie im Theater.“

Sein Großvater väterlicherseits war Konzertmeister am SST. „Der hat vor Hitler den Fliegenden Holländer gegeigt“, erzählt Röttig mit leisem Gruseln. Ein ähnliches Unwohlsein überkommt ihn, wenn er aktuell im Musical „Marguerite“ den herrischen Nazi-Offizier Otto gibt. „Allein die Uniform – man merkt sofort, dass die Leute sich anders verhalten“, sagt Röttig. „Die Rolle ist durchaus reizvoll, und genau das ist das Schlimme: Man spürt die Macht.“

Nach der Premiere, erzählt er, wäre er am liebsten in ein Mauseloch gekrochen. Denn der Rechtsruck in der Gesellschaft macht ihm Sorgen, und daher kümmert ihn umso mehr, ob die Leute ihn als Privatmenschen möglicherweise mit seinen Bühnencharakteren identifizieren: „Ich mache mir immer Gedanken, was die Leute so denken.“

Dabei ist es just das Momentane, Flüchtige, Undokumentierte, was er an seinem Beruf besonders liebt: „Man steht auf der Bühne, und dann ist es vorbei. Wenn sich hinterher jemand daran erinnert, finde ich das schön.“ Am Haus geschätzt wird Stefan Röttig nicht zuletzt wegen seiner Vielseitigkeit, Flexibilität und seiner Fähigkeit, sich etwas rasch anzueignen. „Ich bin ein guter Einspringer“, sagt der Sänger, der sich in Oper und Operette ebenso wohl fühlt wie im Musical.

Besonders mag er Mozart („Ihn erkennt man immer, wegen des Zaubers in den einfachen Tönen“), vor allem aber liebt er Rossini: „Weil es sich so schön singt und so emotional ist.“ Als Stimmfachkollegen nennt er Hermann Prey als absoluten Liebling, und Frank Sinatra bewundert er für dessen Legato.

Jazz singt er selbst ebenfalls gerne, mit dem Gitarristen Ivo Müller hat er schon mal Standards aufgeführt. Gitarre (Fingerpicking und Blue Notes) spielt er privat auch; außerdem Klarinette und Ukulele. Nebenbei kocht er gerne, und er verehrt Erich Kästner: „Egal, was man von ihm aufschlägt: Man will unbedingt weiterlesen“, schwärmt Röttig.

Seit 32 Jahren ist er nun am SST. „Ich bin kritischer geworden, aber die Freude, etwas zu präsentieren, ist nicht weg. Und es gibt ja Gott sei Dank Rollen, die man nur als älterer Bariton gut gestalten kann“, grinst er augenzwinkernd – der „Don Giovanni“ wäre so eine Traumpartie.

 Hemdsärmelig unkompliziert: Stefan Röttig beim Fototermin in einem Innenhof am St. Johanner Markt.
Hemdsärmelig unkompliziert: Stefan Röttig beim Fototermin in einem Innenhof am St. Johanner Markt. Foto: Kerstin Krämer

Mit der aktuellen Spielzeit ist er total glücklich: „Es wird immer besser!“ Aktuell ist er auch als Graf Danilowitsch in der „Lustigen Witwe“ zu erleben, als Figaro in „Figaros Hochzeit“ und als Alcindoro/Benoît in „La Bohème“. Jetzt freut sich Stefan Röttig auf seine Rolle als fiktiver Filmregisseur in „Marilyn Forever“, Gavin Bryars‘ Oper über Marilyn Monroe: Premiere ist am Samstag, 8. Februar, 19.30 Uhr in der Alten Feuerwache.