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Serie Museen im Saarland
Wo neue Kunst noch spannender wird

Die Saarbrücker Stadtgalerie spiegelt zeitgenössische Kunst – in den lang gezogenen Ausstellungsetagen und auch immer wieder im Hof. Sie ist nicht zuletzt eine wichtige Präsentationsmöglichkeiten für Kunststudenten.
Die Saarbrücker Stadtgalerie spiegelt zeitgenössische Kunst – in den lang gezogenen Ausstellungsetagen und auch immer wieder im Hof. Sie ist nicht zuletzt eine wichtige Präsentationsmöglichkeiten für Kunststudenten. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Andrea Jahn und ihr kleines Team komponieren in der Stadtgalerie Ausstellungen mit Strahlkraft weit in die Region hinein.

Streng genommen ist die Stadtgalerie Saarbrücken kein Museum, obwohl auch sie hochkarätige Kunstausstellungen präsentiert und jedes Jahr viele Besucher in das barocke Gebäude am St. Johanner Markt lockt. „Das Haus verfolgt das Konzept einer Wechselausstellungshalle“, erklärt Andrea Jahn, promovierte Kunsthistorikerin und seit 2012 die Leiterin. „Aber wir haben die klassischen Strukturen eines Museums“, fügt sie hinzu. Der große Unterschied ist, dass man auf keine Kunstsammlung zurückgreift, sondern jede Ausstellung im Haus neu und eigens konzipiert wird.


Jahn setzt auf ein internationales Programm junger, zeitgenössischer Kunstschaffender neben aktueller Malerei und Fotografie mit Performance-, Installations- und Videokunst. Dabei werden zwei Ansätze verfolgt. Jahn beschreibt sie so: „Einmal organisieren wir thematische Ausstellungen, dann werden die Kunstwerke bei Institutionen und Sammlungen ausgeliehen. Oder aber wir stellen Künstler aus, die dann installativ arbeiten, hier neue Kunstwerke erschaffen, die nur für diese Ausstellung und für diesen Ort gemacht sind.“

Bei diesen Präsentationen hat es sich für die Leitung der Stadtgalerie Saarbrücken bewährt, zwei Künstler oder Künstlerinnen gleichzeitig zu zeigen, deren zeitgenössische Arbeiten in ein Spannungsverhältnis gestellt werden können. Zu diesen Präsentationen erscheint jeweils eine kleine Publikation. Für die Kunstschaffenden ist es eine Herausforderung, die je drei langgezogenen Räume auf zwei Etagen des barocken Gebäudes zu bespielen, sich davon inspirieren zu lassen. Und sie auch immer wieder neu und anders wirken zu lassen.



Das gelingt in der Stadtgalerie sehr gut, da für jede Ausstellung raumhohe, hochwertige Stellwände eingezogen werden können, die Räume der Ausstellungssituation individuell angepasst werden. „Derzeit können wir so für die Künstlerinnen der Ausstellung ,In the Cut’ eigene Kabinette schaffen. Das gibt der Präsentation nicht nur mehr Hängefläche, sondern auch eine eigene Struktur und bietet mehr Raum für die einzelnen Künstlerinnen und deren Kunstwerke“, erklärt Andrea Jahn.

Neben den langen Raumfluchten auf zwei Etagen kann die Stadtgalerie auch den Hof bespielen. Dank einer Reihe von Leuchtkästen werden dort seit 2015 immer wieder neue Positionen zur zeitgenössischen Fotografie gezeigt. „Diese Installationen im Innenhof werden gut angenommen. Gerade abends, wenn die Arbeiten von hinten beleuchtet sind, sorgen sie auch dafür, dass man sich im Innenhof wohlfühlt“, erzählt Andrea Jahn stolz.

Und dann lobt sie den Träger, die Stadt Saarbrücken. „Die Stadtgalerie ist eine städtische Einrichtung, wir werden von der Stadt finanziert. Und die Stadt unterstützt unsere Arbeit von Anfang an“, sagt die Leiterin. So wurde das gesamte Gebäude seit dem Amtsantritt von Andrea Jahn innen und außen saniert. Dabei arbeitet Andrea Jahn mit einem kleinen, tatkräftigen Team, bestehend aus Jörg Schmallo für die Technik und Katharina Ries in der Verwaltung.

„Daneben unterstützt uns auch Kamila Kolesniczenko als freie wissenschaftliche Mitarbeiterin“, ergänzt die Direktorin. Dass es ihr möglich ist, mit so einem kleinen Team ihre überregional anerkannten Ausstellungen zu stemmen, liegt daran, dass „alle mit Herz und Seele dabei sind und über Multi-Tasking-Fähigkeiten verfügen“, sagt die Leiterin lächelnd.

Daneben versucht sie, immer auch zusätzliche Mittel zu generieren, sei es von Sponsoren, Privatleuten, von dem sehr umtriebigen Förderkreis der Stadtgalerie oder auch schon mal von der Kulturstiftung des Bundes. Denn das innovative, hochkarätige Programm zur aktuellen Kunst in der Saarbrücker Stadtgalerie stößt inzwischen auch überregional auf großes Interesse.

In diesem Jahr hat Andrea Jahn zwei Ausstellungen präsentiert, „Das letzte Bild“ und „In the Cut“, die alle bisherigen Erfolge in den Schatten stellen. „Wir haben im Jahr 2018 Besucherzahlen, von denen wir sonst nur geträumt haben“, sagt Jahn lachend. Ende des Jahres werden es 14 000 Kunstinteressierte sein.

Insbesondere die Ausstellung „In the Cut – der männliche Körper in der feministischen Kunst“ ist ein Besuchermagnet. Daher wurde die Schau bis zum 13. Januar verlängert, denn sie lotst Kunstfans aus der ganzen Großregion, aber auch aus der Schweiz und sogar aus den USA nach Saarbrücken. „Gerade erst hatten wir hier einen Vortrag von Herlinde Koelbl, einer der Künstlerinnen der Ausstellung ,In the Cut’. Und nur für diesen Abend, für diesen Vortrag, war ein Ehepaar aus Nürnberg angereist“, schwärmt Andrea Jahn.

Damit verweist sie auf einen weiteren Teil des Erfolgsrezepts der Stadtgalerie. Denn zu den außergewöhnlichen Ausstellungen wird jedes Mal ein umfangreiches Rahmenprogramm organisiert mit Führungen, Vorträgen, Konzerten, Workshops, Theaterstücken oder Filmabenden. Das kommt gut an bei den Saarbrücker Kunstinteressierten, obwohl die Themen der Ausstellungen wie der Tod oder die Sexualität in der Gesellschaft gern übergangen werden.

Da stellt sich auch die Frage, wie Andrea Jahn ihre Ideen für die Ausstellungen erarbeitet. „Meistens wachsen die Themen über viele Jahre“, antwortet sie. „Sie basieren einmal auf wissenschaftlichen, aber auch auf meinen persönlichen Interessen. Sie sind oft politisch motiviert, gesellschaftlich relevant, denn es geht dabei nicht selten um Menschheitsfragen“, erklärt sie.

Für sie ist es dann jedes Mal spannend, zu sehen, wie die Kunstschaffenden mit diesen gesellschaftspolitischen Themen umgehen. „Die Frage bleibt, aber die Lösung ist jedes Mal neu“, erklärt sie ihre Faszination.

Die Ausstellungsideen für 2019 stehen bereits. Zuerst wird Christina Kubisch, ehemalige Professorin der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK), eine Klangkunst-Ausstellung präsentieren. Im Herbst wird Zimoun, ein Schweizer Künstler, Raumklanginstallationen erarbeiten.

Und wie wählt sie die Künstler aus? „Wir lassen uns nicht vom Kunstmarkt inspirieren“, sagt Andrea Jahn. Die meisten Kunstschaffenden findet sie über Kontakte zu anderen Institutionen, über Empfehlungen von Kuratoren oder Künstlern. Denn Andrea Jahn sieht die Stadtgalerie nicht nur als einzigartigen Kunstort, sondern als Teil eines Netzwerks. Daher sind ihr Kooperationen so wichtig, gerade innerhalb der Großregion.

Und so entwickelt sie zurzeit die Idee, aus der Sammlung des Frac Lorraine in Metz im nächsten Sommer eine Ausstellung zu kuratieren. Außerdem biete man wieder den Artmix-Künstlern eine Ateliersituation in der Stadtgalerie. In der Reihe „Statements“ sind Arbeiten der Absolventen der HBK zu sehen.

Eine thematische Ausstellung, so wie gerade „In the Cut“, wird erst 2020 organisiert. „Es gibt derzeit weltweit so viele kriegerische Konflikte, die zwar regional stattfinden, aber globale Konsequenzen haben. Die Auseinandersetzung mit diesen Kriegen spiegelt sich in vielen künstlerischen Arbeiten. Die will ich zeigen“, berichtet Jahn. Ob sie nicht befürchtet, mit dem Thema Krieg ihre Besucher zu verschrecken? „Die Saarbrücker sind sehr liberal und offen. Und sie sind sehr neugierig auf die Kunst. Gerade diese Art von Thematik kommt hier sehr gut an. Und die Reaktionen unserer Besucher sind oft berührend. Das ist schon etwas ganz Besonderes“, lobt Andrea Jahn ihr Publikum.

Aktuelle Ausstellungen: Statements 2018: „Tender kissing that leads to some rough ass fucking stuff“ von Lucie Sahner, Thilo Seidel und Birte Spreuer bis zum 13. Januar 2019. Und „In the Cut – Der männliche Körper in der feministischen Kunst“ bis zum 13. Januar 2019. Zu dieser Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog im Kerber Verlag, Bielefeld.

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