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Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis
Stadt vergibt wichtigen Kulturpreis

Michaela Albrecht nahm im Rathausfestsaal den Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis von Kulturdezernent Thomas Brück entgegen.
Michaela Albrecht nahm im Rathausfestsaal den Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis von Kulturdezernent Thomas Brück entgegen. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Michaela Albrecht gewinnt mit einer Geschichte über das Warten auf den großen Knall den Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreis.

Das war schon vor der Verleihung des Hans-Bernhard-Schiff-Literaturpreises am Mittwochabend durchgesickert: Einzelne Gäste rätselten vor der Veranstaltung im Festsaal des Rathauses St. Johann, warum der renommierte Literaturpreis der Stadt Saarbrücken, der normalerweise in den Kategorien Haupt- und Förderpreis an Autoren verliehen wird, die einen engen Bezug zur Saar-Lor-Lux-Region haben, in diesem Jahr nur an eine Autorin vergeben wird, Michaela Albrecht. Gab es etwa nur so wenige Einsendungen? Oder war es einfach ein schlechter Jahrgang?



Mit der Aufklärung mussten sich die Gäste gedulden. Erst musizierte die Cellogruppe des ehemaligen Bürgermeisters Hajo Hoffmann „Collegium Musicum Schafbrücke“. Dann überreichte der Kulturdezernent Thomas Brück den Preis an die junge Saarbrückerin und dankte Jury sowie Beirat für ihre Arbeit. „Es ist bestimmt keine einfache Aufgabe gewesen“, sagte Brück und ließ die Gäste weiter im Ungewissen.

Erst Jurymitglied Hermann Gätje, der die Laudatio auf die Preisträgerin hielt, stellte klar, dass Michaela Albrechts Kurzgeschichte „Sie warteten“ einfach so deutlich überzeugt hatte, dass sie alle anderen Texte ausstach. „Die Jury hat sich entschlossen, dieses Jahr keinen Hauptpreis zu vergeben, weil die für den Förderpreis eingereichte Erzählung von Michaela Albrecht uns übereinstimmend als der deutlich beste Text aus allen Einsendungen überzeugt hat. Daher haben wir uns entschieden, die Autorin mit dem Förderpreis sowie einem Sonderpreis auszuzeichnen“, teilte er mit.

Das war überzeugend. Und ein großes Lob für Michaela Albrecht, die in Saarbrücken wohnt, in Trier Psychologie studiert und ab Anfang 2018 hier ihre Ausbildung zur Therapeutin macht. Die junge Frau war ein wenig nervös, als sie ihre Geschichte vorlas. „Das liegt auch daran, dass ich die Veranstaltung kenne, ich war schon letztes Jahr als Gast hier“, erzählte sie. Dann fügte sie hinzu, dass sie sich über den Preis sehr freut und man sie ausgerechnet im Urlaub in den USA damit überrascht hatte.

Michaela Albrecht schreibt seit ihrer Schulzeit. Seitdem sie am Schreibworkshop des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux teilnimmt, wurde ihr das Schreiben zur Leidenschaft. „Dort habe ich auch vom Hans-Bernhard-Schiff-Preis erfahren“, sagte sie.

Sie will das Preisgeld von 2000 Euro in ihre Ausbildung stecken und schreibt auf alle Fälle weiter. Das sollte sie auch, denn ihr Wettbewerbsbeitrag „Sie warteten“ überzeugte Jury und Publikum. Dabei bleibt in der Geschichte, in der  Protagonistin Nico in einer Art Kriegszustand lebt und auf den Ausbruch wartet, der in Form einer Explosion erfolgt, vieles im Unklaren. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen somit die Angst, der Druck, die Spannung der Wartenden.

Michaela Albrecht habe es geschafft, „das Gefühl der Angst sowohl sprachlich als auch inhaltlich zermürbend darzustellen“, sagte Laudator Hermann Gätje. Während das Publikum noch unter dem Eindruck der Geschichte stand, fand Robert Joachim Schiff, Sohn des Namensgebers des Preises und Mitglied in dessen Beirat, die richtigen Worte, um das Motto aus dem Werk seines Vaters „Die Wirklichkeit kann die Welt zerstören“ ironisch, pointiert und locker zu erläutern.

Binnen Minuten spannte er einen Bogen von der aktuellen Politik der Vereinigten Staaten, über Israel, die AFD und den Brexit bis hin zu den Jugendlichen im Bus, die mit ihren Smartphones spielen, aber leider kein Buch mehr lesen.

Daher lobte er neben der Preisträgerin die Stadt Saarbrücken, die Sponsoren, alle Wettbewerbsbeiträge, aber auch den Literaturpreis selbst. „Denn das Preisgeld in der Höhe ist für einen Literaturpreis in Deutschland sehr selten.“