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Beamtensprache
Vom Behördendeutsch geschafft: Was nun?

Saarbrücken. Sozialamt des Regionalverbandes handelt und erstellt Bescheide in leichter Sprache. Aber nicht jedes Formular wird verständlicher. Von Jana Bohlmann

Postwertzeichen statt Briefmarke, Lichtbild statt Foto, Lautraum statt Disko oder Fahrtrichtungsanzeiger statt Blinker: Das sind nur einige Beispiele  aus der deutschen Verwaltungssprache. Wer ein Formular einer Behörde ausfüllen muss, versteht oft wenig, denn Amtsdeutsch ist von der Alltagssprache meilenweit entfernt. Für Bürger kann ein Behördengang zu einer echten Herausforderung werden.


Dass viele Bescheide und Formulare unverständlich sind, liegt am Nominal-Stil in der deutschen Beamtensprache, erklärt der Sprachwissenschaftler Philipp Rauth von der Universität des Saarlandes.

Wer so schreibt, der benutzt mehr Nomen, also Hauptwörter, als Verben, sagt der Sprachwissenschaftler. Als Beispiel nennt er Wörter wie Beantragung, Befragung und Erbringung. „Aus eigentlich schön anschaulichen Verben werden hier Nomen gemacht. Das ist dann zwar viel kürzer, aber auch viel schwerer zu verstehen“, sagt Rauth. „Im Beamtendeutsch gibt es wirklich Monster-Nominalisierungen, die man erst mal entschlüsseln muss. Das ist nicht immer einfach.“ Als Beispiel nennt Rauth unter anderem auch die Steuererklärung. „Die verstehe ich selbst als Germanist nicht.“



Rauth plädiert dafür, die vielen Hauptwörter wegzulassen und stattdessen Verben zu benutzen. Das würde vieles erleichtern. „Auf solchen Bescheiden und Formularen wird ein Sprachstil vorgegaukelt, den niemand nutzt und der deswegen nur schwer verständlich ist“, sagt der Sprachwissenschaftler.

Die Linken in der Regionalversammlung stören sich ebenfalls am umständlichen, bürgerfernen Ämter- und Behördendeutsch. Die Linken fordern stattdessen Formulare und Bescheide in leichter Sprache.

Auch wegen dieser Forderung der Linken beschäftigt sich nun der Regionalverband Saarbrücken mit dem Thema. „Es war schon länger im Gespräch Bescheide in leichte Sprache zu übersetzen“, sagt der Regionalverbandssprecher Ralf Parino.

Momentan übersetzt der Regionalverband Bescheide des Saarbrücker Sozialamtes in leichte Sprache. „Das ist eine große Herausforderung, weil bestimmte juristische Vorgaben darin enthalten sein müssen“, sagt Parino. Diese juristischen Vorgaben zu übersetzen und leicht verständlich auszudrücken, sei nicht einfach, sagt der Sprecher. Das Sozialamt soll voraussichtlich ab Herbst Bescheide in leichter Sprache ausstellen.  Bewähren sich die „Übersetzungen“, könnten sie auch auf die anderen Ämter des Regionalverbandes übertragen werden, sagt Parino. Unter anderem zählen dazu das Jobcenter sowie das Gesundheits- und das Jugendamt.

Die Übersetzungen in leichte Sprache sind allerdings nur möglich für die Bescheide, die das Sozialamt selbst ausstellt. Formulare seien bundesweit vorgegeben und würden entweder in Berlin oder in Nürnberg produziert. Darauf habe man in Saarbrücken keinen Einfluss, sagt Parino.

Anders sieht es in den Ämtern der Stadt Saarbrücken aus. Sie erstellen Formulare ebenso wie Bescheide selbst – allerdings nicht in leichter Sprache.  „Die ämterübergreifende Arbeitsgruppe ,Leichte Sprache’ hat festgestellt, dass es nicht zielführend ist, alle Schriftstücke und Broschüren der Landeshauptstadt in leichter Sprache herauszugeben“, sagt Sozialdezernent Harald Schindel. Viele Bereiche unterliegen nach seinen Worten genauen rechtlichen Vorgaben, die deshalb nicht in leichte Sprache übersetzt werden können, sagt der Saarbrücker Sozialdezernent. Er verweist aber darauf, dass die Stadtverwaltung im Kontakt mit den Bürgern eine bürgernahe Sprache verwende. Außerdem gebe es die Saarbrücker Korrespondenzfibel, die Hinweise und Informationen zu einer verständlichen Verwaltungssprache gebe. Die Stadt plant nicht in erster Linie, Formulare und Bescheide in leichte Sprache zu übersetzen. Das sei dagegen geplant für Broschüren und allgemeines Informationsmaterial, teilt Schindel mit. Und auf ihrer Internetseite stelle die Stadt bald Infos in leichter Sprache bereit über einzelne Ämter und ihre Aufgaben. In den Bürgerämtern füllen die Mitarbeiter dem Sozialdezernenten zufolge einen Großteil der Formulare für die Bürger aus. Und Formulare, die Antragsteller selbst ausfüllen müssen, seien in der Regel korrekt, sagt Schindel. Verständnisprobleme gibt es in den Bürgerämtern nach Angaben von Schindel nicht. Falls doch, könne man sich jederzeit an den zuständigen Sachbearbeiter, das Bürgerreferat, die Rathaus-Info oder die Behördennummer 115 wenden.