Neues im Saarlandmuseum : Wie tanzen Alexander Archipenkos Frauen?

Endlich, möchte man sagen: Das Saarlandmuseum hat ein gelungenes Mitmachbuch für den Museumsbesuch mit Kindern entwickelt.

Wer mit dem Buntstift die Eins und die Zwei verbindet, hat schon ein kleines Stückchen vom Bauch des „Tigers im Zoo“ von Max Slevogt gemalt. Und wer ein paar Seiten weiter die Farben zückt, wird nie wieder behaupten, Gesichter könne man nicht gelb malen. Alexej von Jawlenski hat es schließlich bei seinem Bild „Schwarze Haare in gelbem Hintergrund“ auf wunderbare Weise vorgemacht.

Gerade mal 24 Seiten hat ein druckfrisches Büchlein, das das Saarlandmuseum im Rahmen eines Pressegesprächs vorgestellt hat. Aber die haben es in sich. Das Cover ziert natürlich das Lieblingsbild der meisten Kinder: Franz Marcs „Blaues Pferdchen“. Aber das Innenleben ist überraschend. „Ein Ritt durch 150 Jahre Kunst“ heißt das „Mitmachbuch für den Museumsbesuch mit Kindern“ – so der Untertitel. Kein Lehrbuch soll es sein, und das ist es auch nicht geworden. Sondern eine kluge Mischung aus Kreativität, Wissensvermittlung und Anregungen zum Hinschauen und Denken.

Aus Picassos „Stillleben mit Schädel auf Stuhl“ etwa werden Elemente wie der Krug oder das Buch herausgelöst und dadurch (nicht nur) für Kinder sichtbarer gemacht. Die Körperhaltung von Skulpturen wird an Figuren wie Marianis Tänzerin oder Achipenkos Stehender Frau erforscht. Und mit welcher Farbe malte Monet das Meer am „Hafen von Honfleur“? Ein Kind, das die Schlüsselwerke der Sammlung des Museums auf diese Weise kennengelernt hat, wird die wohl nie mehr vergessen.

Ein anregendes Heft, das nicht nur die angepeilte Altersgruppe zwischen sechs und zwölf Jahren erreicht. Vom Impressionismus über Kubismus bis zur zeitgenössischen Kunst reichen die ausgewählten Werke. Wer der angenehm unaufdringlichen Führung zu Architektur, Fotografie, Skulptur und Gemälden folgt, schärft seine Sinne. Schon beim ersten Durchblättern erschließt sich der Gedanke dahinter so gut, dass man sich nur fragt, wieso es das bisher noch nicht gegeben hat.

Diese Frage stellte sich auch die Kunsthistorikerin Annette Calleja, die das Projekt gemeinsam mit Museums-Volontär Marc Schmitt vorangetrieben und umgesetzt hat. Als sie vor über eineinhalb Jahren mit der Arbeit begannen, schaute sie sich zunächst mal bei anderen Museen um. „Ich dachte eigentlich, dass das Standard wäre“, sagt sie. Aber weit gefehlt. Bei ihren Recherchen fand sie vor allem Mal- oder Quizbücher. Ihnen schwebte aber etwas anderes vor. „Wir wollten ausdrücklich auch keine Schnitzeljagd, bei der die Kinder oft einfach nur an den Bildern vorbei rasen“, ergänzt Marc Schmitt.

Also machten sich die beiden daran, fürs Saarlandmuseum etwas ganz Eigenes zu entwickeln. Finanziell unterstützt von der St. Wendeler Globus-Stiftung. Und inhaltlich natürlich vom Museums-Direktor. Für Roland Mönig ist dieses neue Angebot ein wichtiger Baustein, um das Museum für alle zu öffnen und „so früh wie möglich für das höchste Niveau zu begeistern“.

Weil er davon überzeugt ist, dass man das Interesse für Kunst und das kompetente Verständnis dafür möglichst früh wecken muss, hat der Chef schon vor einiger Zeit die Vermittlungsateliers ins Museums-Haupthaus zurück geholt, „ins Zentrum des Geschehens“ wie er sagt. Hier werden nun in Workshops, offenen Angeboten und Kindergeburtstagen schon die Allerjüngsten mit dem Museum vertraut gemacht. Denn, wie es der Museumsdirektor in seiner bildhaften Sprache formuliert: „Wenn man die Menschen nicht früh abholt, werden sie nicht an das Thema heranaltern können“.

Wie viele Gedanken man sich um so ein – im Vergleich zu einem dicken Katalog – scheinbar einfaches Heftchen machen muss, erschließt sich im weiteren Gespräch. Für den „Ritt durch 150 Jahre Kunst“ mussten aus dem riesigen Bestand des Museums zunächst mal Werke ausgewählt werden, die einen guten Querschnitt durch die Sammlung zeigen – und zwar Werke, die auch in ein paar Jahren noch im Museum hängen und nicht im Depot verschwinden. Gar nicht so einfach bei einem Museumsdirektor wie Mönig, der seine Sammlung gerne mal neu sortiert.

Dazu war zu bedenken: „Es sollte ein Buch sein, das im Museum genutzt wird“ so Annette Calleja. Also müssen zum Beispiel Format und Papierqualität so funktionieren, dass man vor Ort ohne Unterlage darin malen und schreiben kann.

Weniger Wert wurde auf eine räumliche Abfolge der Kunstwerke gelegt. „Das entspricht auch der Gesamtkonzeption des Hauses“, sagt Roland Mönig: „Nicht am Gängelband der Chronologie“ will man die Besucher führen, sondern offene Erlebnisräume schaffen.

Auch die Architektur des Museums spielte eine Rolle im Mitmachbuch. Gleich auf der ersten Seite werden die Kinder angeregt, die Fassade zu gestalten. Foto: Saarlandmuseum
Gemälde anderer Künstlerinnen und Künstler zu kopieren ist ein gutes Mittel, um die eigene Technik zu verbessern. Auch diese Erfahrung wird vermittelt. Foto: Saarlandmuseum

Und so müssen die Kinder ein bisschen suchen, wenn sie zum Beispiel Norbert Krickes „Raumplastik Stuttgart“ von zwei Seiten zeichnen wollen. Aber wenn sie dann später versucht haben, Olaf Christopher Jenssens „The Protagonist No 3“ im Heft zu vervollständigen, werden sie wahrscheinlich nie mehr denken, dass Konkrete Kunst etwas ist, das jedes Kind malen kann – auch wenn das scheinbar nur bunte Streifen sind.

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