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Widerstand und Kunst
Schüler wollen zeigen: „Die Weiße Rose lebt“

Saarbrücken. Das Theater im Viertel erinnert mit einem Zwei-Personen-Stück an Sophie und Hans Scholl, die von den Nazis geköpft wurden Von Kerstin Krämer

Erinnerungsarbeit, vor allem das Thema Widerstand gegen den Nationalsozialismus, lagen dem Theater im Viertel (TiV) schon immer sehr am Herzen. Nun veranstaltet die kleine Bühne passend zum Willi-Graf-Gedenkjahr der Landeshauptstadt und mit Unterstützung derselben von Montag bis Sonntag, 15. bis 21. Oktober, eine Willi-Graf-Woche.


„Wir haben nichts aus der Geschichte gelernt!“ heißt es resignierend auf dem Cover des zugehörigen Flyers. Oder? „Doch!“ meint trotzig die Rückseite: „Immer wieder müssen wir Zivilcourage zeigen und durch unser Handeln den menschenverachtenden Strömungen einfache Lösungen wie Menschlichkeit und Stärke entgegensetzen. Gegen den aufkeimenden Rassismus, den wieder salonfähig werdenden Antisemitismus und den immer stärker um sich greifenden Nationalismus.“

Für die Pflicht zum Widerstand hat nun der ehemalige künstlerische Leiter Dieter Desgranges wieder auf dem Regiestuhl Platz genommen. Zwar ist er seit Juni im Ruhestand, aber er hilft immer noch gerne mit und mischt sich ein.



„Man müsste in dem Rahmen auch etwas mit Jugendlichen für Jugendliche anbieten“, grübelte er und recherchierte nach einem passenden Schauspiel. Fündig wurde er in dem Zwei-Personen-Stück „Die Weiße Rose – lebt!“ von Günther Breden.

Dabei handelt es sich um eine Auftragsarbeit des mit dem hiesigen Theater Überzwerg verpartnerten Piccolo-Theaters in Cottbus, die 2007 uraufgeführt wurde. „Was sagt uns die Weiße Rose heute noch?“, fragt Desgranges.

Was wissen Jugendliche über Widerständler, die für ihre Überzeugung gestorben sind? Willi Graf, geboren 1918, wurde am 12. Oktober 1943 hingerichtet und 2003 posthum zum Ehrenbürger Saarbrückens ernannt. Was lag näher, als sich auf der Suche nach einer passenden Besetzung an die Saarbrücker Willi-Graf-Realschule zu wenden? Bei deren Leiterin Helene Neis rannte Desgranges offene Türen ein. Kurz darauf hatte er seine beiden Schauspieler: zwei bereits theatererfahrene Jugendliche, Leah Rosar (15) und Aaron Noel Zachow (16). Die Schule unterstützt die Produktion unter anderem dadurch, dass sie beide Schüler für die – bereits komplett ausverkauften! - morgendlichen Schulvorstellungen vom 15. bis 19. Oktober vom Unterricht freistellt. Dass Leah und Aaron jüdische Namen haben, ist ein kurioser Zufall – tatsächlich ist von allen an der Produktion Beteiligten nur Desgranges‘ Lebensgefährtin, die Sängerin Ruth Boguslawski (Technik), jüdischen Glaubens. Leah stammt aus Quierschied und spielt in der dortigen Laienbühne. Aaron ist zugezogen. Er spielte erstmals in Mecklenburg Theater und sang im Kinderchor des Saarländischen Staatstheaters (SST); seit dem Stimmbruch ist er in der SST-Statisterie. Für beide ist es eine neue Erfahrung, in einer so klein besetzten Produktion mitzuwirken.

„Ich musste noch nie so viel Text lernen“, sagt Aaron. Für Leah besteht die Herausforderung eher darin, zwischen den einzelnen Szenen nicht abgehen zu können, sondern ständig präsent sein zu müssen. Leah verkörpert Sophie, die ein Stück geschrieben hat über ihre Namensvetterin Sophie Scholl und deren Bruder Hans, Protagonisten der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“.

Mit der Schilderung der letzten Minuten der Geschwister in der Todeszelle möchte sie etwas tun gegen den Rechtsruck, der im Zuge der Umbenennung ihrer Schule in „Geschwister-Scholl-Schule“ spürbar wird. Nun sucht sie Mitspieler. Der überhebliche Manni (Aaron) aus der Klasse über ihr ist dabei, aber eigentlich interessiert er sich mehr für Sophie als für die Geschichte. „Diesen alten Rotz will doch keiner hören“, denkt Manni. Doch Sophie entdeckt ständig Parallelen zur Gegenwart, die das Stück bestürzend aktuell machen. „Die Weiße Rose – lebt“ basiert zum Teil auf authentischen Briefen und Aufzeichnungen der Geschwister Scholl: Unaufdringlich weist es jungen Menschen ab 14 Jahren einen Weg, sich mutig und engagiert gegen rechtsradikale Einflüsse zu wehren.