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Kolumne So kann’s gehen
Schiere Verzweiflung

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Frau Thekla Öhmichen, eine rüstige Rentnerin um die 80, fährt noch Auto. Kommt mit dem Straßenverkehr prima zurecht. Verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise: ein taffes Weib. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

Doch als sie einen Kaffee bestellt, stößt sie an ihre Grenzen. Die betagte Dame, die ansonsten nichts an Schlagfertigkeit vermissen lässt, ist schließlich mit dem schrulligen Satz aufgewachsen: „Draußen gibt’s nur Kännchen!“


Frau Öhmichen steht an der Selbstbedienungstheke einer weltweiten Kette, die es sich offensichtlich zum Ziel gesetzt hat, die Menschheit in voluminösen Pappbechern zu ertränken. Größer als Kännchen anno dazumal. Die resolute Frau Öhmichen wird wenig gastfreundlich aufgerufen: „Ja bitte?“ Frau Öhmichen bestellt ebenso forsch: „Einen Kaffee.“ „To go? Small, large, extra large?“, schallt es von der hektisch hinterm Tresen agierenden Mittzwanzigerin. „Wie bitte?“, erkundigt sich Frau Öhmichen. Die Angestellte wiederholt so laut, dass es alle Kunden vernehmen. Frau Öhmichen: „Ich hätte gern ein Tässchen Kaffee.“

Mit oskarreifem Augenrollen greift das junge Ding nach einem Pappbecher mittlerer Größe und legt nach: „Was fürn Topping?“ Frau Öhmichen: „Bitte?“ Die junge Frau akzentuiert und langatmig: „Was – für – ein – Topping? Flavoured with?“ Frau Öhmichen kleinlaut: „Ich verstehe nicht.“ Die Bedienung widerwillig zur Übersetzung bereit: „Zucker, Milch, laktosefrei?“ Frau Öhmichen verunsichert: „Süßstoff.“ Die Mitarbeiterin reicht den Kaffee und kassiert. Frau Öhmichen knibbelt mühsam den Plastikdeckel ab, wobei ihr ein gehöriger Schluck heißen Kaffees vor die Füße platscht. Jetzt überlegt Frau Öhmichen, ob sie das Autofahren aufgibt.