Ein Leiden, das heute kaum noch bekannt ist

Kinderlähmung ist durch Impfungen in Deutschland ausgemerzt, doch die nach dem Krieg Erkrankten leben immer noch mit ihren Beschwerden in unserer Gesellschaft. Und um die kümmert sich die selbst von Kinderlähmung betroffene Ulrike Jarolimeck. Sie wurde von der CDU im Regionalverband dafür ausgezeichnet, wir haben die Rollstuhlfahrerin zuhause besucht.

"Ich dachte immer, ich komm' allein zurecht", sagt die heute 63-jährige Ulrike Jarolimeck, die 1954 erkrankte und zunächst viele Jahre mit einer Gehhilfe und speziellen Schuhen laufen konnte, trotz ihrer Lähmungen. Als sie über 40 wurde, ließ die Muskelkraft nach, heute sitzt die Saarbrückerin im Rollstuhl. Und seit 2001 ist sie im Bundesverband Poliomyelitis engagiert, leitete eine Selbsthilfegruppe und wurde 2008 die stellvertretende Bundesvorsitzende ihrer Organisation.

"Ich merkte irgendwann, dass die Symptome, die ich beschrieb, den Ärzten fremd waren. Im Verband habe ich Hilfe gefunden und wollte diese Hilfe an andere zurückgeben", sagt sie über ihr Engagement. Sie schätzt, dass im Saarland 700 Polio-Patienten leben. Der jüngste in der Selbsthilfegruppe ist 51 Jahre alt. Denn seit Beginn der Impfungen in den 60er Jahren gibt es keine Neuerkrankungen mehr, die Patienten von damals werden älter, es kommen keine neuen Betroffenen dazu. Das ist ein Segen, weiß Jarolimeck und lobt die weltweite Impfkampagne von Rotary und Bill Gates . Den Patienten von damals drohe jedoch das Vergessenwerden. Vielen Ärzten sei das Krankheitsbild fremd, die Selbsthilfegruppe biete hier wichtige Impulse. Ab März trifft sie sich wieder monatlich an jedem ersten Mittwoch um 17.30 im Saarbrücker Johanna-Kirchner-Haus. "Bei uns wird nicht gejammert, es sind lockere Treffen, und die sind sehr konstruktiv", sagt sie. Ihr Engagement geht noch weiter. Jarolimeck ist im Behindertenbeirat der Stadt Saarbrücken und im Presbyterium der Kirchengemeinde Scheidt . Dort tritt sie für Barrierefreiheit ein. "Da muss man dicke Bretter bohren, denn Barrierefreiheit kostet Geld. Aber man muss auch sehen, dass Barrierefreiheit auch für Nichtbehinderte angenehm und komfortabel ist", sagt sie. Im Landesvorstand der Landesvereinigung Selbsthilfe kümmert sie sich um den Dachverband der Selbsthilfegruppen und ist Patientenvertreter bei der Kassenärztlichen Vereinigung. "Hier haben die Patientenvertreter zu wenig Gewicht", sagt sie und will das ändern. Denn Gewicht brauchen die Betroffenen, die um Rehabilitationen und Hilfsmittel ständig kämpfen müssten. Ihre Selbsthilfegruppe ist dabei ein wichtiger Ratgeber und der Erfahrungsaustausch eine wertvolle Hilfe.