Heiligabend spielt die Kirmesorgel

Sie hat zwei Weltkriege und mehrere technische Revolutionen überstanden: Die Kirmesorgel von 1907, die sich seitdem im Besitz der Schafbrücker Schaustellerfamilie Jockers befindet. Sie spielt noch zwei Mal im Jahr.

. Jeder der vielen hunderttausend Besucher, die jedes Jahr über den Alt-Saarbrücker Weihnachtsmarkt schlendern, kennt sie. Viele bleiben andächtig stehen, wenn die Kirmesorgel der Schaustellerfamilie Jockers am Fuße der Saarbrücker Schlossmauer, der Alten Brücke direkt gegenüber, erklingt. "Seit mehr als 30 Jahren stellen wir unser gutes Stück dort auf", sagt Heino Jockers, 43, der Schausteller aus Saarbrücken-Schafbrücke . Heino Jockers hegt und pflegt das mit Blattgold verzierte Prunkstück, wie es schon sein Vater Ferdinand und sein Großvater Heinrich Jockers getan haben. "Die Orgel , die mit Lochkarten und einem Blasebalg betrieben wird, war zunächst in einem Kettenkarussell eingebaut, später stand sie an einem Riesenrad, das wohl im Zweiten Weltkrieg zerstört worden ist", berichtet Jockers vom Werdegang des hölzernen Musikwagens, der so gar nicht mehr in die Zeit der elektronischen Musik und der jederzeitigen digitalen Abspielbarkeit via Smartphone zu passen scheint. Im Zweiten Weltkrieg habe sein Großvater Heinrich die Kirmesorgel sogar im Wald versteckt, damit sie nicht bei den Bombenangriffen auf Saarbrücken zerstört wurde.

Gebaut hat die Kirmesorgel 1907 die inzwischen legendären Orgelbaufirma Adolf Ruth und Sohn in Waldkirch /Baden, die bis zur Liquidation 1938 wunderschöne Orgeln an Schausteller und vor allem Kinos und Ballsäle in der ganzen Welt lieferte. Doch der Tonfilm, Radio und Grammophon waren eine zu mächtige Konkurrenz. "Meine Oma hat die Orgel mit in die Ehe gebracht, sie wurde das Lieblingsstück meines Opas ", beschreibt Heino Jockers die Zeit Ende der 1920er Jahre. Damals wurde der Luftdruck für den großen Blasebalg, der die Orgelpfeifen versorgt, noch mit einem großen Schwungrad erzeugt, dessen Betrieb den Schaustellern sicher den Schweiß auf die Stirn getrieben hat. Heinrich Jockers baute dann nach dem Zweiten Weltkrieg einen Elektromotor ein, der heute noch seinen Dienst tut. "Die Lochkarten sorgen für die Melodie. Da wurden in der Kaiserzeit meist Märsche abgespielt, dann Lieder wie Einzug der Gladiatoren, aber auch Gassenhauer wie Berliner Luft. Vor allem aber Walzer waren sehr beliebt", sagt Heino Jockers. Die Lochkarten mit all diesen etwa fünf- bis siebenminütigen Musikstücken hat er im Wagen bereit für den Einsatz. Ein besonderes Geschenk machte die Familie Heino Jockers zu seinem Geburtstag im Mai vergangenen Jahres, als sie bei einem Schweizer Hersteller für eine stolze Summe den Frank-Sinatra-Song "My way" bestellte. Es gibt weltweit nur noch eine Handvoll Unternehmen, die solche Lochkarten für Kirmes orgeln herstellen. "My way" ist Heino Jockers' Lieblingslied.

Sehr stolz ist der Schausteller auf den Panflötenspieler an der Orgel . "Da wurden in Waldkirch nur zwei Orgeln mit dem Panflötenspieler hergestellt. Unsere ist die einzige, die damit noch existiert", betont Jockers. Er bekomme immer mal wieder Angebote von Museen oder Liebhabern, die die Kirmesorgel kaufen wollten. "Doch das mache ich nicht. Die Orgel gehört zur Familie."

Nur noch zwei Mal im Jahr ist sie im Einsatz. Außer den Besuchern des Alt-Saarbrücker Weihnachtsmarktes kommen jedes Jahr am Heiligabend die Nachbarn der Jockers in der Schafbrücker Mittelstraße in den Genuss, "Stille Nacht" von der Kirmesorgel zu hören. Dann öffnen Nicole und Heino Jockers ihre Halle, es wird ab 17 Uhr besinnlich, man trinkt einen Punsch, die Nachbarn wünschen einander ein frohes Fest, ehe alle mit den Klängen der Orgel im Ohr nach Hause gehen und Weihnachten feiern. "Das ist immer eine gemütliche Runde", sagt Heino Jockers. Dabei hat er als Schausteller viele Sorgen: Die Konkurrenz zu den klassischen Kirmessen in Burbach, Völklingen, St. Ingbert, St. Wendel, Neunkirchen oder Merchweiler, bei denen die Familie Jockers mit ihrem Autoscooter präsent ist, ist groß. "Die Kirmes ist nicht mehr das, was sie einmal war", sagt Jockers traurig. "Es gibt zu viele Angebote." In den Wochen vor Weihnachten verkaufen die Jockers auch Christbäume im Saarland. Denn im Winter gibt es keine Kirmes. Und die Kirmesorgel ruht dann bis zum ersten Adventswochenende, wenn wieder Weihnachtsmarkt ist in Alt-Saarbrücken.