Wo Rockstars Automaten putzen

St Johann · Es wird nur noch gefeiert, getrunken, gegessen und Musik gehört, aber nicht mehr über Stadtentwicklung und Politik geredet. Das wurde bei einer Podiumsdiskussion zur 40. Auflage des Altstadtfestes beklagt. Beim Nauwieser Fest ist es kaum anders. Seit elf Jahren sorgt aber ein Heft für Gesprächsstoff vor, beim und nach dem Fest: das „Viertelvor“.

 Mazze Gaspers ist einer der Nauwieser „Rockstars”, die das „Viertelvor“-Heft ganz privat zeigt. Foto: Falk Kuckert

Mazze Gaspers ist einer der Nauwieser „Rockstars”, die das „Viertelvor“-Heft ganz privat zeigt. Foto: Falk Kuckert

Foto: Falk Kuckert
 Ralf Leis und Falk Kuckert im Hof der Nauwieser Straße 19 zwischen Café Kostbar und Kino Achteinhalb. Foto: Martin Rolshausen

Ralf Leis und Falk Kuckert im Hof der Nauwieser Straße 19 zwischen Café Kostbar und Kino Achteinhalb. Foto: Martin Rolshausen

Foto: Martin Rolshausen

"Wo steckt eigentlich diese bezaubernde französische Bedienung aus der Bar Central?" Wer so etwas wissen will, wendet sich an Ralf Leis und Falk Kuckert. Die beiden wissen alles - zumindest wissen sie über alles Bescheid, was im Nauwieser Viertel passiert. Oder eben auch nicht mehr passiert. Die beiden machen das "Viertelvor", sind also die Viertel-Experten überhaupt. Wirklich?

Ganz so ist das nicht. Man munkelt, dass sich im Viertel Dinge zutragen, die selbst Leis und Kuckert nicht bemerken. Aber in der 15. Ausgabe ihres "Hefts fürs Nauwieser Viertel" bleiben sie kaum eine Antwort schuldig. Wer wissen will, wie die Preise der Prostituierten im Viertel sind, bekommt ebenso eine Antwort, wie der, den interessiert, wo der beste Singletreff ist.

Während Leis und Kuckert Singles einen klaren Tipp geben (für die, die jünger als 60 sind: der Waschsalon, den anderen empfehlen sie eine Bäckerei), haben andere Antworten, die sie im aktuellen Heft geben, nicht direkt etwas mit der Frage zu tun. "Wieso nennen wir es das Vierte? Wo liegen die anderen drei?", will zum Beispiel ein Ekkehard wissen. Ausgehend von der Gesamtfläche der Stadt müsste es Nauwieser 1193stel heißen, in Bezug auf die Einwohner 31stel, teilen Leis und Kuckert dazu mit.

Die Grundfläche verändert sich nicht, aber das Viertel verändert sich. Nicht nur zum Guten, wie Leis findet. Eine Versicherungsagentur mit "blickdichten Milchglasscheiben" sei nicht das, was im Viertel gefehlt habe, sagt er. Dass der Friseursalon Valente nach 41 Jahren dichtgemacht hat und Axel Späths Briefmarken- und Münzladen nach dessen Tod nicht weiterbetrieben wird - das seien dagegen Verluste fürs Viertel, "weil die Orte, an denen man Leute trifft, weniger werden".

"Nichts gegen Versicherungen und Rechtsanwälte", aber das Viertel müsse aufpassen, dass es "authentisch" bleibt, dass es seinen Dorfcharakter nicht verliere. Und da sei "alles, was der Kommunikation dient, gut".

Dieses "auf der Gasse sein", miteinander zu reden, mittendrin und dabei zu sein, sei aber das, was das Viertel ausmacht.

Schwarzmalen wollen Kuckert und Leis allerdings nicht. Dass ein Laden wie das "Unikat" schon 20 Jahre im Viertel existiert, sei wunderbar. Das seien Frauen, die "das Viertel geprägt haben", sagt Leis. Und wer ein großartiges Erlebnis suche, der müsse sich nur an den Ophüls-Platz setzen und dort beim Boulespielen zuschauen. "Das ist wie Kino. Was für Szenen sich da abspielen!", schwärmt Kuckert.

Und dann sind da ja auch noch die "Rockstars". Wobei die Musikgrößen im Viertel nicht "mit Groupies, Whirlpools und Drogenexzessen" leben, wie Kuckert mit Fotos im "Viertelvor" dokumentiert. Da liest Manuel Sattler eine Frauenzeitschrift im Waschsalon. Franz Saarschleifer bügelt in der Küche. Und Lee Hollis trägt artig Altglas zum Container.

Auch wenn Leis und Kuckert spüren, "dass die Viertler mit der Entwicklung in ihrem Kiez oft gar nicht so einverstanden sind" (den einen ist zu viel, anderen zu wenig los), gibt es für die beiden offenbar keinen besseren Ort zum Leben und zum Arbeiten.

Ach ja, die bezaubernde Bedienung aus der Bar Central: Die kommt gar nicht aus Frankreich, sondern aus der Schweiz. Und da sei sie auch wieder, in Genf nämlich, teilen Leis und Kuckert mit - und sprechen aus, was viele im Viertel seufzen: "Schade."

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort