Saarbrücken : 100-jährige Baumhasel am Staden braucht Rettungs-Rückschnitt

Stadt Saarbrücken will große Baumhasel retten : Alte Riesin ist müde

Baumhasel in Saarbrücker Stadenanlage, vor mehr als 100 Jahren gepflanzt, wird altersschwach – Rückschnitt als Rettungsversuch.

„Was hat er denn, der Baum?“, fragt ein älterer Herr, der uns am Dienstag am Saarbrücker Staden entgegenkommt. Der bizarr gewachsene Riese, der unweit des Ulanenpavillons mitten in der Wiese steht, sieht beunruhigend aus. Kahle Äste in der Krone, vor allem ganz oben; nur hie und da etwas Laub, dürr und schütter, mehr grau als grün. Der Passant nickt, als er hört, dass der Baum am Mittwochmorgen zurückgeschnitten werden soll: „Er ist wohl müde.“ Aber nach dem Schnitt „kommt er vielleicht wieder“, spekuliert der Mann.

Darauf hofft auch Volkmar Schulz vom Saarbrücker Grünamt. Denn die Baumhasel (Corylus colurna) in der Stadenanlage ist mehr als 100 Jahre alt und wohl die größte ihrer Art im Südwesten – kein Allerweltsbaum, den man leichten Herzens fällen würde. „Wir geben ihm nochmal eine Chance“, sagt Schulz, erst 2020 werde über seine Zukunft entschieden. Nachdem der Baum von Jahr zu Jahr mehr Totholz bildete, hat das Grünamt schon 2018 einen Rettungsversuch unternommen. „Wir haben die komplette Fläche unter der Krone tiefen-aerifiziert“, Tausende kleiner Löcher wurden 15, 16 Zentimeter tief in die Wiese gebohrt, damit Luft und Wasser die Baumwurzeln besser erreichen. Als Extra gab’s speziellen Baumdünger. Aufwendig, „drei Tage Arbeit“, sagt Schulz. Leider ohne Wirkung, der Austrieb blieb dürftig. Und nun rücken die Motorsäger an, sie werden vom Hubsteiger aus die Krone um mindestens ein Drittel verkleinern. Der Verkehrssicherheit wegen – herabfallendes Totholz wäre auf den viel genutzten Stadenwiesen gefährlich.

Die Baumhasel gehört zu den Gehölzen, die die Staden-Planer gleich zu Beginn pflanzen ließen, da ist Schulz sicher. In den 1910er Jahren legte die Stadt die Parkanlage an zwischen den damals neuen Villen am Staden und der Saar. Wer für die Park-Planung verantwortlich war, sei nicht bekannt, sagt Schulz, dazu sei kaum etwas dokumentiert. Am Baumbestand lässt sich aber exquisiter Geschmack ablesen: Die Planer wählten ungewöhnliche Baumarten aus, mit besonderem Wuchs, besonderen Laubfarben, besonderer Borke, darunter viele Exoten. Sie schufen so ein regelrechtes Arboretum, eine Baum-Sammlung.

In lockerer Anordnung, mit großzügig bemessenem grünem Raum drumrum: Sicher sei auf jeden Fall, dass der Park als Sonnenseite der Villen gedacht war, sagt Schulz. Dazu passe auch, dass die Platanen-Doppelreihe am Saarufer, auf sehr alten Abbildungen noch erkennbar, irgendwann zur – heute noch existierenden – Solo-Reihe verändert worden sei. „Wahrscheinlich hat man die innere Baumreihe wegen zu starken Schattenwurfs rausgenommen“, vermutet Schulz.

Mehr als 100 Jahre ist die originale Pflanzung alt – für so manchen Baum geht die natürliche Lebensspanne zu Ende. Etliche der alten Platanen, morsch geworden, sind inzwischen ersetzt durch junge Bäume. Auch ein Götterbaum musste schon gefällt werden, sein Holz war faul. Ebenso eine eindrucksvolle Blutbuche. Vor einiger Zeit ist ein Schlangenhautahorn (Acer rufinerve) mitsamt dem Wurzelballen einfach umgefallen; „den pflanzen wir nach“, sagt Schulz.

Volkmar Schulz misst den Stammumfang der Baumhasel am Staden: 4,20  Meter – enorm. . Foto: BeckerBredel

Und falls die angejahrte Baumhasel es trotz Rückschnitt nicht schafft, wird auch an ihre Stelle ein Jungbaum treten. Schulz nennt den Baum mit professioneller Nüchternheit „abgängig“, er ist skeptisch, was den Erfolg der Rettungsmühen angeht. „Aber egal“, sagt er, „man muss es versuchen.“

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