Street Art im Nauwieser Viertel: Historische Kutsche im modernen Gewand

Street Art im Nauwieser Viertel : Historische Kutsche im modernen Gewand

Die Künstler Edem Dippel und Jan Sahner haben im Nauwieser Viertel ein Wandbild geschaffen, das Nostalgie und Moderne verbindet.

Bereits von der Straße her gibt das liebevoll restaurierte Haus aus der Jahrhundertwende in der Försterstraße 12 ein tolles Bild ab. Seit Ende November ist jedoch dessen Einfahrt der absolute Hingucker. Denn seitdem ziert die lange, leicht gebogene Wand der linken Seite der Durchfahrt ein großes und großartiges Wandgemälde, das gleichzeitig sehr modern und trotzdem auch etwas nostalgisch ist. Modern sind der Stil und die Farben, nostalgisch dagegen das Motiv und die Buchstaben. Denn dort haben die beiden Künstler Jan Sahner und Edem Dippel zwei Kutschen der Jahrhundertwende in Manier der Street Art auf die Wand gesprüht, umgeben von kalligraphischen Schriftzeichen und in unerwarteten Farbkombinationen von Schwarz, Weiß, Türkis, Altrosa und Gold.

Diese Wandgestaltung war eine Auftragsarbeit der Hausbesitzer Brigitte und Gerd Gross. „Während der Renovierung des Hauses hatte der Architekt wohl vorgeschlagen, an der Einfahrt eine Wandmalerei anzubringen“, erklärt Jan Sahner. „Als krönenden Abschluss sozusagen“, fügt Edem Dippel lachend hinzu. Die beiden sind zufrieden mit ihrem Werk, aber insbesondere auch mit dem Auftrag. Denn die Zusammenarbeit mit dem älteren Ehepaar war für beide sehr angenehm.

Zudem konnten die befreundeten Künstler, die beide dieses Jahr ihr Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK) abgeschlossen haben, zum ersten Mal an einem Auftrag zusammenarbeiten. Dabei haben sowohl Jan Sahner als auch Edem Dippel bereits Kunstwerke im öffentlichen Raum verwirklicht. Edem Dippel hat an der Wellengestaltung unterhalb der Berliner Promenade mitgearbeitet, und von Jan Sahner stammen die kalligraphischen Gestaltungen am Osthafen.

„Der Kontakt zwischen Künstler und Auftraggeber kam über die HBK zustande“, erklärt Jan Sahner und erzählt, dass er sich daraufhin mit einer Mappe von kalligraphischen Schriftzeichen auf den Weg zum Ehepaar Gross gemacht hatte. „Frau Gross fand die Arbeiten gut, aber sie wollte auch etwas Figürliches“, erzählt er. Daher gab sie ihm drei historische Fotografien des Hauses und ihrer Familie mit. Eines der Fotos zeigte einen Teil der Familie während eines Ausflugs in einer Kutsche. „Diese Erinnerung lag der Auftraggeberin am Herzen“, erklärt Jan Sahner. „Und dann hatten wir die zündende Idee, auf dem Gemälde Kutschen zu gestalten, aber ohne die Personen zu zeigen. Stattdessen werden die Insassen von ihren Hüten und Schirmen symbolisiert“, sagt Edem Dippel. Mit diesem Entwurf war die Auftraggeberin sehr zufrieden, obwohl es klar war, dass das eigentliche Werk an der Wand entsteht, und man dort einen gewissen Spielraum braucht. „Es wurden uns alle Freiheiten gelassen. Unsere Auftraggeber haben uns da vertraut“, fügt Edem Dippel hinzu.

Ende November haben die beiden dann ihr Werk begonnen, waren nach sechs Tagen fertig. Während von Jan Sahner im Entwurf die Schriften stammen, hat Edem Dippel das Figürliche, die Kutschen samt Hüten, gestaltet. „Aber vor Ort haben wir beide beides umgesetzt“, sagt Edem Dippel. Dabei herausgekommen ist eine Wandgestaltung, die die Thematik Geschichte und Vergänglichkeit darstellt. Darin wird immer wieder ein einziger Satz wiederholt, der allerdings für die meisten Betrachter kaum leserlich sein wird: „Die Zeit ist ein Dieb und ein Schurke“.

Bei der Abnahme der Wandgestaltung kam dann auch das ältere Ehepaar – und war begeistert. „Uns ist das Herz aufgegangen, weil sie sich so gefreut haben“, erzählt Edem Dippel. Das Ehepaar Gross hat mit diesem Kunstwerk aber nicht nur die beiden Künstler glücklich gemacht. Sie haben auch dem Nauwieser Viertel ein weiteres Kunstwerk geschenkt.

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