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Werner trifft den Zeitgeist

Annika Gard (links) und Maike Erdudatz machen in ihrer Werkstatt fast alles selbst. Foto: Tobias Ebelshäuser
Annika Gard (links) und Maike Erdudatz machen in ihrer Werkstatt fast alles selbst. Foto: Tobias Ebelshäuser FOTO: Tobias Ebelshäuser
St Arnual. In der Nähe des St. Arnualer Marktes gibt es eine ganz besondere Werkstatt. „Werner Kunz Handwerke“ bietet Platz, Entspannung, Arbeitsmittel und viele Ideen zum Selbermachen und zum Recycling alter Dinge. Tobias Ebelshäuser

Werner Kunz hat es mal wieder nicht geschafft. Der Chef der gleichnamigen Werkstatt ist nicht anwesend beim Näh-Workshop, dem "Tag der Nähmaschine". Deswegen muss Maike Erdudatz heute ganz ohne Chef den Kurs leiten. "Der ist mal wieder im Urlaub, in Costa Rica", sagt sie und lacht. Fünf Frauen besuchen den Kurs, sie kommen mit dem Ziel, sich ein eigenes T-Shirt zu nähen, und hoffentlich neben ihrem Kleidungsstück auch neue Fähigkeiten im Umgang mit Nadel und Faden mit nach Hause zu nehmen. An den Tischen der Werkstatt sitzen sie fleißig an ihren Nähmaschinen und arbeiten an Maikes Entwürfen. Die Atmosphäre ist gemütlich, wenn eine Naht nicht klappt, wird sie nochmal neu genäht, es gibt überhaupt keinen Druck.


Das Selbermachen, das Lernen, das Probieren, das sind die Grundideen der Kreativwerkstatt. Denn "Werner Kunz Handwerke" ist keine gewöhnliche Werkstatt. Ein Kunde beschrieb die Werkstatt sogar einmal als "ein bisschen Pipi Langstrumpf”. Sechs Kurse werden hier unter der Woche angeboten, vom Fotokurs mit Kindern bis zum Strick und Häkelkurs für Erwachsene. Dazu kommen längere Workshops am Wochenende. Besonders interessant ist das offene Werkstattcafé. Hier kann zweimal in der Woche jeder der zuhause nicht den notwendigen Platz oder die nötigen Werkzeuge hat, gegen Gebühr ein Platz in der Werkstatt mieten und das dortige Material nutzen. Werken in der Holzwerkstatt oder Fotos im Fotolabor entwickeln sind nur einige der vielen Möglichkeiten, Vielseitigkeit wird hier großgeschrieben. Auch wer nur Inspiration sucht, ist hier gut aufgehoben und im Vergleich zur aktiven Nutzung der Werkstatt, gibt es diese sogar kostenlos.

Die Werkstatt befindet sich in St. Arnual , ruhig gelegen in der Nähe des Marktplatzes. Früher war hier ein alter Schreibwarenladen drin. Auf einer alten Verkaufstheke liegen die Visitenkarten der drei Werkstatt-Mitarbeiter. Das sind Maike Erdudatz, Annika Gard, die sich selbst jedem als Anni vorstellt, und eben der Chef, Werner Kunz.

Doch wer ist dieser Werner Kunz eigentlich? "Der Chef ist unser Running Gag", klärt Maike auf, "Der ist immer irgendwo anders, mal im Keller oder eben weit weg im Urlaub". Aber ihn gibt es im Laden leider nur noch auf einem alten Schwarz- weiß - Foto an der Wand. Er war der ursprüngliche Eigentümer und Betreiber des Schreibwarenladens vor vielen Jahren.

Oberhalb der Eingangstür prangt auch heute noch sein Name in geschnörkelter, schwarzer Schreibstift. "Als wir zwei uns dann einen Namen für unsere neue Werkstatt überlegen mussten, dachten wir, warum nicht den alten Namen recyceln?", erzählt Anni. Aus dem Schriftzug über der Tür wurde somit das neue Logo für "Werner Kunz Handwerke", selbstverständlich mit Genehmigung der Angehörigen von Kunz.



Auch das passt zum Geist der Werkstatt, denn Recycling , Nachhaltigkeit und Tradition, das sind auch die großen Themen der Werkstatt. So wurde auch das Flair des Schreibwarenladens so gut es geht gewahrt, sogar die alten Möbel werden weiterverwendet. Zwei der Kurse widmen sich speziell dem "Upcycling", also dem Wiederverwenden von Gegenständen für andere Zwecke. So wurde zum Beispiel schon aus einer Hose eine Handtasche oder aus einem Kochtopf eine Zimmerlampe. Sogar das Mittagessen bei den Workshops ist komplett Bio.

Und so trifft "Werner Kunz" den Zeitgeist, denn das Selbermachen ist absolut im Trend. Weg von der Wegwerfgesellschaft und hin zum bewussten Konsumenten, diese Richtung schlägt "der Werner", wie die beiden liebevoll ihre Werkstatt nennen, konsequent ein. Das merkt man auch den Besuchern des Näh-Workshops am Samstag an. Zum Beispiel Claudia. Sie habe in den Geschäften nie wirklich etwas gefunden, das ihr gefallen hätte. Deswegen wolle sie nun einmal probieren, Kleidungsstücke einfach selbst zu produzieren. Oder bei Nina aus Saarbrücken. "Ich war zu Hause am Ausmisten und hab meine alte Nähmaschine gefunden, die ich nie wirklich benutzt habe. Ich will jetzt hier herausfinden, ob mir das überhaupt Spaß macht und ob ich sie noch behalten soll", erzählt sie.

Am Ende des Workshops ist eines jedenfalls sicher für sie. Auch wenn nicht alles auf Anhieb perfekt klappt, nach dem Spaß den sie hier hatte, werde sie ihre Nähmaschine ganz sicher behalten, sagt sie.