| 20:41 Uhr

Abgespeist?
Saarbrücker Tafel versorgt 4000 Menschen

Ludmilla Krutsch hat bekommen, was sie an Lebensmitteln braucht, um über die Runden zu kommen. Ihr Wagen ist gefüllt.
Ludmilla Krutsch hat bekommen, was sie an Lebensmitteln braucht, um über die Runden zu kommen. Ihr Wagen ist gefüllt. FOTO: Rich Serra
Burbach. 100 000 Euro benötigt der Trägerverein im Jahr für seine Arbeit. Von der Politik fühlen sich Betreiber und Bedürftige vernachlässigt. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

„Wenn der Lohn nicht mehr reicht, seine Famile zu ernähren, dann läuft etwas schief.“ Ralph Henn steht in braun-grauem Anorak, der bessere Zeiten hinter sich hat, und mit weit über den Kopf gezogener, schwarzer Strickmütze vor dem Eingang der Saarbrücker Tafel in Burbach. An der grell orangefarbenen Hausfront lehnen zwei ausgebeulte Plastikbeutel, aus einer ragt ein Baguette. Er hat eben seine Ration an Lebensmitteln abgeholt, wie er es seit geraumer Zeit tut. Für sich, seine Frau und den elfjährigen Sohn. Was er verdient, reicht hinten und vorne nicht, um alle satt zu bekommen, sagt er. So fährt der 41-Jährige mit dem Bus einmal die Woche von Altenkessel an die Ausgabestelle in einer unauffälligen Seitenstraße hinter dem Burbacher Markt.


„Ich habe keine Probleme damit, mir fällt es nicht schwer, hier herzukommen“, sagt er.  An diesem Tag stehen mit ihm an die 70 Bedürftige an. Sie können es sich nicht leisten, im Supermarkt einzukaufen. Uwe Bußmann spricht von „Berechtigten“, vermeidet das Wort Bedürftige, was allzu sehr nach Almosen-Empfänger klinge. Der 68-Jährige steht seit 20 Jahren an der Spitze des Tafel-Trägervereins, der zurzeit 1223 Abholer versorgt. „Das sind Menschen, die regelmäßig kommen. Und hinter jedem stehen im Schnitt drei weitere Berechtigte.“ So zählt Bußmann und seine Helfertruppe in der Landeshauptstadt gut und gerne 4000 Saarbrücker, die auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Hartz-IV-Empfänger und jene, deren Lohn nicht für den Lebensunterhalt langt. So wie bei Ralph Henn.

Wer zur Tafel kommt, um dort wie an der Fleischtheke einer Markthalle  eine Nummer zieht und dann aufgerufen wird, unterliegt ganz strengen Reglements. „Ein Alleinstehender darf nicht mehr als 416 Euro plus maximal 50 Euro Zuverdienst haben“, sagt Bußmann. Ansonsten bekommt er nichts von der Tafel. „Das ist sicherlich für den einen oder anderen, der knapp darüber ist, schwierig zu akzeptieren. Aber irgendwo mussten wir eine Grenze ziehen.“



So darf sich die Mutter von Ludmilla Krutsch nicht mehr anstellen, weil sie mit ihrer schmalen Rente über das Limit kommt, berichtet ihre Tochter. Ludmilla kann es sich ebenso wenig leisten, im Geschäft Gemüse, Fleisch, Obst zu kaufen, berichtet die 56 Jahre alte Frau. Sie stammt aus der ehemaligen Sowjetrepublik Tadschikistan in Zentralasien und lebt schon seit Jahrzehnten im Saarland. Früher musste sie noch ihre beiden Kinder durchbringen. Die sind mittlerweile aus dem Haus. „Nun komme ich alle zwei Wochen hierher und sorge für mich allein.“ Mit ihrem alten Trolley vor sich sitzt sie im Warteraum, blickt geduldig alle paar Minuten auf die Anzeige mit den aufgerufenen Nummern, damit sie bloß nicht verpasst, wenn sie an der Reihe ist. Auch ihr mache der Gang zur Tafel  nichts mehr aus. „Die Lebensmittel im Geschäft sind einfach zu teuer.“ Was sie hier angeboten bekomme, sei alles „sehr gut“.

Obwohl es Produkte sind, die Händler aus den Verkaufsregalen herausgenommen haben, weil der Kunde nicht mehr nach ihnen greifen würde. Ob Brot vom Vortag oder Joghurt mit knapper Zeit bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum oder Obst mit leichten Dellen.

„89 Lieferanten haben wir zurzeit“, berichtet Bußmann. Vom Bäcker bis zur großen Lebensmittelkette. Doch das allein reiche nicht, um die Arbeit und das Angebot der  Tafel aufrechtzuerhalten.

Der Verein benötige 100 000 Euro pro Jahr. Für Miete und vier Transportwagen. Ansonsten werde der ganze Ablauf sechs Tage die Woche von 120 Ehrenamtlichen gestemmt. Der 68-Jährige: „Vergangenes Jahr kamen so 42 000 Arbeitsstunden zusammen.“ 300 Mitglieder trügen dazu bei, dass dies finanziert werden kann. Dabei übt der Tafelchef Kritik an der Stadt und der Kommunalpolitik. Hier lässt er durchblicken, dass er sich mehr Unterstützung wünscht. „Sie nehmen gerne die Hilfe entgegen, aber sie sind nicht in der Lage, eine feste Zusage zu geben.“

Die Arbeit der Tafel werde  benötigt. Obwohl Bußmann beim Start 1998 gedacht habe: „Brauchen wir das auch in Saarbrücken?“ Er wurde eines Besseren belehrt. Anfangs seien Kollegen einmal die Woche ausgefahren, um Lebensmittel zu verteilen.“ Mit privaten Autos. Die Johanneskirche  in St. Johann war das erste Tafel-Quartier, von wo aus Menschen versorgt wurden. Seit zehn Jahren ist sie in Burbach untergebracht mit Außenstellen Folsterhöhe und Wackenberg.

Nach Burbach marschiert regelmäßig von der Innenstadt ein älterer Mann. Im Wartesaal  beugt er sich über ein Buch. Noch rund 30 Berechtigte sind vor ihm dran. „Mein Kopf sagt mir: Wir sind alle gleich. Dann frage ich mich: Warum bin ich hier?“ Der schmächtige Herr hadert aber nicht mit seinem Schicksal. Auch er habe die Scheu abgelegt, hier nach Essensspenden anzustehen. „Meine Frau schickt mich, wenn der Kühlschrank leer ist“, sagt er. Dass er nun in der Situation ist, hier anzustehen, habe mit seiner Herkunft zu tun. In Kiew/Ukraine habe er studiert und sei Kameramann gewesen. Als er nach Deutschland kam und Deutsch  nur von seinen Großeltern noch im Ohr hatte, musste er von vorn beginnen. Zuerst  lernte er die Sprache. Doch in seinem ursprünglichen Beruf fasste er nicht mehr Fuß. Zu teuer wäre es geworden, sich das Equipment anzuschaffen.  „Ich arbeitete in einer Möbelfabrik“, berichtet er.  Als Rentner steht er heute recht arm da. Er schämt sich nicht, hier zu sitzen, will aber dennoch anonym bleiben. Man kennt sich, unterhält sich.  „Das ist mittlerweile wie in einem Club.“

Dem gehört Monika Becker bereits seit 17 Jahren an. Die Burbacherin steht an der Brotausgabe. „Ich war selbst Kundin. Und dann habe ich nachgefragt, ob ich helfen kann. Da habe ich sofort angefangen“, sagt die 66-Jährige. „Über 60 Prozent, die hier arbeiten, sind selbst Empfänger“, bestätigt Bußmann.  Mit Backes steht Roswitha Priziwarra am Tresen und reicht Brote und Brötchen rüber. „Ich wollte eine Freizeitbeschäftigung. Da habe ich von der Tafel gehört. Seit einem Jahr bin ich nun einmal die Woche dabei“, sagt die 83 Jahre alte Saarbrückerin.

In dem Moment rollt Alexander Mechov, den hier alle Rasputin nennen, mit einem alten Einkaufswagen vorbei. „Rasputin ist schon seit zehn Jahren hier“, ruft Lore Bender (70). Die stellvertretende Vereinschefin betreut wie die übrigen Kollegen die Menschen an diesem Nachmittag. So auch Rasputin, der gerade wegen seines Zahnarztes zetert, der ihm alles andere als eine Hilfe sei. Dabei lacht er, und das lückenvolle Problem tritt zutage.

Rasputin ist seit zehn Jahren auf die Tafel angewiesen.
Rasputin ist seit zehn Jahren auf die Tafel angewiesen. FOTO: Rich Serra
Seit 20 Jahren Chef des Tafel-Trägervereins: Uwe Bußmann.  
Seit 20 Jahren Chef des Tafel-Trägervereins: Uwe Bußmann.   FOTO: Rich Serra
Roswitha Priziwarra (links) und Monika Becker verteilen Brot und Brötchen an jene, die sich den Kauf nicht leisten können.
Roswitha Priziwarra (links) und Monika Becker verteilen Brot und Brötchen an jene, die sich den Kauf nicht leisten können. FOTO: Rich Serra
Ralph Henn muss regelmäßig nach Burbach zur Tafel.
Ralph Henn muss regelmäßig nach Burbach zur Tafel. FOTO: Rich Serra