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In Randale geraten
Zerdepperte Autoscheibe: Proteste in Frankreich werden Saarbrücker zum Verhängnis

Jannis Kratz wurde die Scheibe in Frankreich eingeschlagen.
Jannis Kratz wurde die Scheibe in Frankreich eingeschlagen. FOTO: SZ / M. Zimmermann
Saarbrücken. Seine Kamera im Auto hat alles festgehalten. Doch ob das Jannis Kratz (24) hilft, ist fraglich. An die Demonstration in Forbach, in die die der junge Mann geriet, wird er noch lange denken. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

Die ohnehin schon hohen Sprittpreise plus angekündigte Steuererhöhungen treiben unsere Nachbarn in Frankreich seit Tagen auf die Barrikaden. Proteste mit Straßenblockaden bremsen die Grande Nation aus. Und jene, die über die Grenze nach Lothringen unterwegs sind.


Mitten in die Blockade geraten

Die Wut derer, die wegen der Preise auf der Straße waren, hatte es in sich.
Die Wut derer, die wegen der Preise auf der Straße waren, hatte es in sich. FOTO: Screenshot/Kratz


Das musste auch Jannis Kratz erfahren. Der 24-Jährige geriet am Montag kurz vor Mittag bei dem Versuch, von seinem Wohnort Großrosseln-Emmersweiler zur Arbeit nach Saarbrücken den für ihn kürzesten Weg über Forbach zu nehmen, in genau solch eine Demo. Damit hatte er nicht gerechnet. Doch da war’s fürs Umkehren schon zu spät.

Womit die französischen Streikenden, die sich ihm aggressiv in den Weg stellten und einen Einkaufswagen hin- und herschoben, damit er nicht vorbeikam, nicht rechneten: Kratz nahm all das mit seiner Dashcam.
Womit die französischen Streikenden, die sich ihm aggressiv in den Weg stellten und einen Einkaufswagen hin- und herschoben, damit er nicht vorbeikam, nicht rechneten: Kratz nahm all das mit seiner Dashcam. FOTO: Screenshot/Kratz

Streikposten bremsen aus

FOTO: Screenshot/Kratz

Die Wut derer, die wegen der Preise auf der Straße waren, hatte es in sich. Dabei stieß der junge Mann auf gar kein Verständnis bei jenen, die mit Straßensperren, den Verkehr zum Erliegen brachten. „Vor einem Verteilerkreis in Forbach geriet ich in einen Stau.“ Er wollte an der Blechlawine auf der zweiten Spur vorbeifahren. Kurz vor der Einfahrt in den Kreisel stoppte ihn einer der Streikposten. Der kräftige Mann in grellgelber Weste baute sich vor seinem Wagen auf und hinderte den Saarländer so an der Weiterfahrt.

Er fühlte sich bedroht

Die Lage spitzte sich zu, wie Kratz berichtet. „Weitere Männer kamen hinzu, die die Straße absperrten.“ Dann das für ihn Unfassbare: „Einer hob den rechten Arm zum Hitlergruß, rief ‚Heil Hitler’ und ahmte mit zwei Fingern an der Oberlippe einen Schnauzbart nach.“ Einer der Streikposten neben ihm fand das offensichtlich urkomisch und lachte darüber. Dann griff einer der umherstehenden Männer nach einer Digitalkamera und knipste Jannis Kratz’ Auto von vorn.

Auf Video festgehalten

Womit die französischen Streikenden, die sich ihm aggressiv in den Weg stellten und einen Einkaufswagen hin- und herschoben, damit er nicht vorbeikam, nicht rechneten: Kratz nahm all das mit seiner Dashcam, einer Videokamera über dem Armaturenbrett seines silbergrauen Peugeots 307, auf. Darauf ist deutlich zu erkennen, wie einer der Protestler den Arm zum Faschistengruß reckt.

Kaum Unterstützung

Dem Saarländer wurde allmählich die Lage zu brenzlig. Er fuhr zuerst mit seinem Kombi im Schneckentempo weiter. Plötzlich schlugen Streikende in den Baustellenwesten auf die Motorhaube. Kratz bekam mit, wie die Scheibe hinter ihm zu Bruch ging. Er rollte weiter, drückte aufs Gas. Eine Frau sprang ihm in den Weg, um ihn aufzuhalten, gab den Weg an brennenden Autoreifen in letzter Sekunde noch frei. Kratz: „Nach etwa hundert Metern kam ich zu einem Streifenwagen der Police.“ Die Beamten sollen kurz zuvor noch ganz nahe an dem Ort des Zwischenfalls gestanden haben – ohne einzuschreiten. Und auch jetzt zeigten sie nach Angaben des 24-Jährigen recht wenig Interesse, den Fall aufzunehmen. Es habe eine ganze Weile gebraucht, bis sie gewillt waren, die Anzeige aufzunehmen. Dabei will das Opfer sogar den Täter erkannt haben. Aber: „Ich habe mir das abgeschminkt, dass ich den Schaden ersetzt bekomme“, berichtet er. Denn Zeugen, die etwas gesehen haben müssen von der Nötigung und Sachbeschädigung, hielten dicht.

Für ihn ist nach dieser Erfahrung klar: „Ich werde die nächste Zeit nicht mehr über Frankreich zur Arbeit fahren.“

Mehrere Menschen mit gelben Jacken blockierten den Autofahrer aus dem Saarland.
Mehrere Menschen mit gelben Jacken blockierten den Autofahrer aus dem Saarland. FOTO: Screenshot/Kratz