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Saarbrücken
Metropole für eine Nacht

Nacht am Osthafen.
Nacht am Osthafen. FOTO: Rainer Hartz
Saarbrücken. Provinz-Muff oder Großstadt-Flair? Ein Saarbrücker Kulturwissenschaftler hat untersucht, wie urban die Landeshauptstadt ist. Von Alexander Stallmann

Wenn Rainer Hartz auf seinem orangefarbenen Klapprad durch die Saarbrücker Innenstadt fährt, ist er häufig auf der Suche. Er hält Ausschau nach Kunst und Kultur im öffentlichen Raum. Besonders Dinge, die ihm völlig unerwartet begegnen, lassen Hartz‘ Herz höher schlagen. Etwa eine spontane Tanz-Performance mitten auf der Straße oder eine Ausstellung in einer stillgelegten Fabrikhalle. „Solche unverhofften Aktionen der kreativen Szene sorgen für ein großstädtisches Flair in Saarbrücken“, sagt Hartz.


Der Kulturwissenschaftler beschäftigte sich in seiner Abschlussarbeit mit der Frage, wie urban die Landeshauptstadt ist. Dafür erforschte er die hiesige kreative Szene, die Leerstände wie etwa am Osthafen oder früher am Römerkastell nutzt und darin Ausstellungen, Konzerte und spektakuläre Partys veranstaltet. Für seine Arbeit erhielt Hartz den Richard-van-Dülmen-Preis. Dieser wird jährlich für die innovativste Abschlussarbeit in den Historisch orientierten Kulturwissenschaften vergeben.

Die kreative Szene mit Gruppen wie „C’est dur la Culture“, „Die Wilde Katz“ oder „Sektor Heimat“ habe das Image Saarbrückens verbessert und das Nachtleben der Stadt bereichert, sagt Hartz. Ihre Arbeit sei auch von der Presse und der Politik sehr positiv aufgefasst worden. Trotzdem fehle es der Szene an Unterstützung. Viele Akteure seien mittlerweile abgewandert, weil sie keine Möglichkeit sahen, sich in Saarbrücken eine Zukunft aufzubauen.



Dabei sei ein attraktives Nachtleben und eine lebendige Kulturszene enorm wichtig, um junge Leute ins Saarland zu locken und auch hier zu halten. „Auf junge, gut ausgebildete Menschen, die die ganze Welt bereisen, hat das Saarspektakel oder das Altstadtfest wenig Anziehungskraft“, sagt der Saarbrücker. Spektakuläre Partys, Kunst und Kultur, wie es sie etwa in der alten Becolin-Fabrik am Römerkastell gab, seien für viele dieser Leute hingegen verlockend.

„Ein regelmäßiger und intensiverer Austausch zwischen Verantwortlichen der Stadt und der Szene wäre ein erster wichtiger Schritt“, sagt Hartz. Baudezernent Heiko Lukas entgegnet darauf: „Die Stadt steht wegen der Zwischennutzung von Leerständen zur kulturellen Nutzung in gutem und regelmäßigem Kontakt mit der kreativen Szene.“ So sei etwa mit Sektor Heimat vereinbart, dass diese für drei Jahre den Festivalclub von Perspectives sowie sechs weitere Veranstaltungen im Jahr auf dem ehemaligen Rhenania-Gelände am Osthafen ausrichten können. Dies gelte auch noch im kommenden Jahr. „Unser Ziel ist, der kreativen Szene dauerhaft am Osthafen eine Perspektive und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten“, sagt Lukas.

Aber wie urban ist die Landeshauptstadt nun? Saarbrücken habe manchmal durchaus ein großstädtisches Nachtleben, erklärt Hartz. Aber eben nur an einigen wenigen Tagen im Jahr und nur an ganz bestimmten Orten. Etwa im imposanten und fürs kleinstädtische Leben  ungewöhnlichen Festivalclub von Perspectives. Aber das Stadtbild verändere sich auch ständig. Und Hartz hofft, dass er auf seinem Klapprad noch viel Neues entdecken kann.