Zwischen Strand-Idylle und Putzkammer

Wir sind nun schon über sechs Monate in Australien und fühlen uns noch immer sehr wohl. Heimweh ist bis jetzt noch nicht bei uns aufgetreten.

Beeindruckend: die Felsformationen im Nationalpark „Pinnacles“ bei Perth. Fotos: Solander/Schlickel
Leonie beim Saubermachen mit „Profi-Ausstattung“ im Hostel.

Das liegt aber auch daran, dass wir hier immer neue Sachen erleben und viele neue Menschen kennen lernen. Unsere nächste Station nach Melbourne und unseren Ausflügen hieß Perth und dafür mussten wir Melbourne endgültig verlassen. Wir haben die Stadt mit einem weinenden Auge verlassen, uns aber gleichzeitig auch auf eine neue Stadt und ein neues Abenteuer gefreut.

Auch in Perth wollten wir wieder Couchsurfing machen und haben auch eine Unterkunft gefunden. Allerdings war der Weg zu unserem neuen "Vermieter" die reinste Tortur. Wir waren voll beladen, denn jede von uns hatte ihren großen Rucksack auf dem Rücken, einen kleinen auf der Brust und dann noch eine Tasche - und das wohl gemerkt bei über 30 Grad. Als wir endlich ankamen, wurden wir freundlich von Luke, unserem "Host", empfangen. Wir hatten ein eigenes Zimmer, welches wir uns mit drei Surfbrettern und Angelausrüstung teilen mussten. Luke ist Meeresbiologe und hatte somit viel zu erzählen.

So bekamen wir zu hören, dass in Western Australia Helikopter am Strand entlang fliegen, um nach Haien Ausschau zu halten, jedoch nicht wirklich erfolgreich sind. Denn man hat Attrappen ins Wasser geworfen, um zu kontrollieren, wie viele Haie wirklich entdeckt werden und das Ergebnis ist sehr ernüchternd - zum Glück. Es wurden nur zehn Prozent und weniger Haie gesichtet.

In Perth haben wir uns mit einem Freund getroffen, den wir auf der Farm in Dubbo kennengelernt haben. Er hat mit uns eine persönliche Stadtrundfahrt durch Perth gemacht. Die Hauptstadt des Bundesstaates Western Australia liegt am Swan River, nahe dessen Mündung in den Indischen Ozean. Die Stadt mit ihren 1,65 Millionen Einwohnern hat uns auf Anhieb gefallen. Die nächste Stadt ist Adelaide und liegt 2139 Kilometer entfernt. Perth ist beschaulich, aber der Sonnenuntergang am Swan River, die unbeschreiblich schönen Strände und der strahlend blaue Himmel sind atemberaubend. Da muss man manchmal einfach innehalten und genießen.

Hugoz, unser Freund, arbeitet als "Food-Runner" (eine Art Kellner) im Casino und besitzt ein eigenes Auto. Er hat uns gefragt, ob wir Lust hätten, einen kleinen Roadtrip zu starten. Zwei Tage später fuhren wir Richtung Norden los. Unser Ziel waren die Pinnacles, ein Nationalpark mit einer kalksteinartigen Formation vulkanischen Ursprungs, die wie aus dem Nichts aus dem Boden herausragen. Nicht umsonst heißt "pinnacle" übersetzt "Felsnadel". Auf dem Weg dorthin wollten wir im Meer schnorcheln, da die Unterwasserwelt dort sehr schön sein soll. Wir hatten uns dafür extra eine Schnorchelausrüstung zugelegt. Allerdings hatten wir das Pech, dass es die Tage davor ziemlich windig war und man weit rausschwimmen musste, wenn man etwas sehen wollte. Das war uns dann doch zu riskant und so sind wir etwas enttäuscht weiter Richtung Pinnacles gefahren.

Nach einer Nacht auf dem Campingplatz haben wir uns am nächsten Morgen endlich zu dem Nationalpark aufgemacht. Man konnte mit dem Auto entlang der Felsformationen fahren oder die kleine Runde laufen. Ich muss zugeben, wir waren zu faul dazu, sind mit dem Auto gefahren und haben immer mal angehalten, um ein paar Bilder zu schießen. Auf dem Rückweg haben wir uns am Sandboarden versucht. Wir haben dabei mal kurz überlegt, was andere Menschen im fernen Deutschland im Januar machen. Die fahren zum Beispiel in die Alpen, um bei Kälte Ski zu laufen oder zu snowboarden. Wir hingegen fahren an die Westküste Australiens, um an riesig großen, weißen Sanddünen bei strahlend blauem Himmel und 40 Grad zu sandboarden. Das fanden wir echt cool, denn es hat riesigen Spaß gemacht und die Zeit ging viel zu schnell vorbei.

Nach der Rückkunft von unserem Ausflug hat Luke uns zum BBQ (Barbecue) eingeladen. Den Tag darauf mussten wir Luke verlassen, da er Couchsurfer nur für maximal vier bis fünf Tage bei sich frei wohnen lässt. Glücklicherweise hatten wir direkt eine neue Unterkunft gefunden, jedoch konnten wir dort nur unser Zelt im Garten aufschlagen, weil im Haus kein Platz mehr frei war. Der Eigentümer war am Tag zuvor in Urlaub gefahren und sagte uns, wir sollten uns an einen Engländer wenden, der zurzeit in seinem Haus lebt. Wir haben uns nichts dabei gedacht und hatten beide die Vorstellung, dass wir unser Zelt auf einer schönen grünen Wiese platzieren können. Falsch gedacht! Dort angekommen, hat das Haus schon von außen einen komischen Eindruck gemacht, aber wir wollten uns zuerst mal nicht davon beeinflussen lassen. Wir sind dann zur Haustür gegangen und bemerkten, dass die Tür bereits geöffnet war. Ich habe zuerst mal geklopft, aber es hat sich nichts getan, obwohl man gemerkt hat, dass sich jemand im Haus aufhält. Da wir immer noch unsere Rucksäcke anhatten, stellte ich meinen auf der Veranda ab und wollte es ein zweites Mal versuchen. Dieses Mal habe ich geklopft, "Hello" gerufen und bin zwei Schritte hinein gegangen. Auf einmal hab ich eine Frauenstimme gehört, die meiner Meinung nach "Shut-up" gerufen hatte, da ich mir aber nicht zu 100 Prozent sicher war, hab ich ein zweites Mal gerufen. Wir haben dann wieder eine sehr "nette" Antwort bekommen.

Clara und ich haben uns angeschaut und uns beide das Gleiche gefragt: Sollen wir hier wirklich bleiben? Wir waren gerade dabei, den Vorgarten zu verlassen, da kam der Engländer und wollte uns unseren Schlafplatz zeigen. Etwas eingeschüchtert gingen wir durch das Haus in den Garten, welchen man eigentlich als Schrottplatz bezeichnen musste. Überall stand Gerümpel herum, man konnte keine Wiese sehen, sondern nur Schotter und Sand. Dort stand dann ein Hühnerstall, in dem wir unser Zelt hätten aufschlagen sollen. Wir waren etwas schockiert, was man uns auch mit Sicherheit ansah. Der Engländer meinte noch, dass zurzeit neun weitere Personen im Haus wohnen würden. Wir haben allerdings niemanden davon gesehen und hatten ein mulmiges Gefühl bei der ganzen Sache. Wir haben uns dann entschlossen, für die nächste Nacht ein Hostel zu nehmen.

Seit diesem Zeitpunkt hat sich nichts geändert und nun wohne ich schon seit gut zwei Monaten im "Wombat Backpackers", wo ich mich richtig wohlfühle. Clara musste nach ein paar Tagen aus familiären Gründen zurück nach Deutschland und so war ich auf mich alleine gestellt. Die ersten Tage waren schon ein bisschen ungewohnt, da wir schließlich seit September jeden Tag gemeinsam verbracht haben. Da das Hostel recht überschaubar ist, besteht die Möglichkeit, viel schneller Leute kennen zu lernen. Das Haus wird überwiegend bewohnt von Deutschen, Italienern, Franzosen und vereinzelte kleine Gruppen von Engländern, Iren, Schweden und Asiaten. Hier kann man auch bei der Esskultur große Unterschiede beobachten. Wie man sich schon denken kann, legen die Italiener sehr viel Wert auf das gemeinsame Kochen und Essen. Sie decken immer den Tisch und laden jeden herzlich ein, sich zu ihnen zu gesellen und ihre leckeren Pastagerichte zu probieren, worauf sie auch sehr stolz sind.

Nach ein paar Tagen hat man sich schnell mit mehreren Travellern (Reisenden) angefreundet und sich gegenseitig ausgetauscht, was man schon so erlebt hat oder auf jeden Fall gesehen haben muss. Glücklicherweise wurde eine Woche später eine Position als Cleaner (Reinigungskraft) im Hostel frei, so musste ich wenigstens kein Geld mehr für Unterkunft zahlen. Da Perth die teuerste Stadt in Australien ist, geht ein großer Batzen Geld für Unterkunft und Essen drauf. Auch wenn man ausgehen möchte, darf man nicht mit einem kleinen Portemonnaie unterwegs sein, denn ein Bier kostet schlappe elf Dollar (umgerechnet 7,50 Euro). In mehreren Pubs gibt es die Woche über Angebote für Rucksack-Touristen (Backpacker). Dieses Angebot nutzen wir immer gerne, denn das ist dann relativ preisgünstig und man trifft fast jede Woche die gleichen Leute dort.

Mit meinen Arbeitskolleginnen habe ich dann einen Tagestrip nach Rottnest Island gemacht. Die Insel ist 18 Kilometer vom Festland entfernt. Dort haben wir uns Fahrräder gemietet und unser Ziel war es, die 22 Kilometer lange Insel zu umrunden. Zuerst haben wir aber unsere Picknicksachen ausgepackt und uns ein Frühstück am Strand gegönnt. Gestärkt ging es weiter mit den Rädern. Die Strände auf Rottnest Island ähneln einem Paradies, da sie fast menschenleer sind. Dort fahren auch keine Autos, nur ein alter Bus, der an vereinzelten Stellen anhält. Mit unserer Schnorchelausrüstung im Gepäck haben wir uns direkt am ersten Strandabschnitt versucht und uns vor der Größe der Fische zuerst mal ziemlich erschrocken. Außerdem kann man dort zu alten Schiffswracks schnorcheln, was auf der einen Seite interessant, aber andererseits auch ein bisschen gruselig ist. Es war so heiß, dass wir mit Bikinis Fahrrad gefahren sind und alle zehn Minuten irgendwo angehalten haben, um ins Wasser zu springen.

Die Insel ist für Quokkas (Kurzschwanzkängurus) bekannt, welche total auf Wasser abfahren. So haben wir eine unserer Wasserflaschen für die Tierchen geopfert, konnten dafür aber tolle Bilder mit ihnen machen. Wir nahmen ziemlich müde und mit einem dicken Sonnenbrand die letzte Fähre zurück zum Festland. Die Sonne hier ist so stark, dass man sich mit Lichtschutzfaktor 50 einschmieren muss und man sich trotzdem immer verbrennt. Mittlerweile hat sich meine Haut aber schon dran gewöhnt, aber man muss immer noch ein bisschen aufpassen.

Ich habe im Moment mehrere Jobs und komme ganz aus meinem Rhythmus, da ich manchmal bis 3 Uhr Nachtschicht an der Rezeption des Hostels habe und dann morgens um 6 Uhr den Kiosk, in dem ich zusätzlich noch Arbeit gefunden habe, aufsperren muss. Der Kiosk befindet sich direkt gegenüber der Arena Perth, wo kürzlich die Rolling Stones hätten auftreten sollen. Ich wurde vom Besitzer gefragt, ob ich dafür eine Sonderschicht einlege. Aber das Konzert wurde leider abgesagt. Die Arbeit im Hostel macht mir echt Spaß, weil man immer nette Menschen um sich hat und ständig jemand zum Reden da ist. Hingegen ist die Arbeit im Kiosk todlangweilig. Ab und an arbeite ich noch für ein Umzugs-Unternehmen, was hier richtig gut bezahlt wird. Eins steht fest: Ich kann nach den zwei Monaten richtig gut putzen! Das freut sicher meine Mutter . . . Denn wir putzen, saugen und machen die Betten des gesamten Hostels innerhalb von zwei Stunden. Danach braucht man erst mal eine Pause.

Bald kommt Clara wieder nach Australien. Wir treffen uns auf dem Flughafen in Perth und fliegen von dort gemeinsam für zehn Tage nach Bali. Danach geht es weiter nach Cairns, im Norden von Queenland. Von dort werden wir dann die Ostküste entlang nach Süden reisen. Obwohl ich Perth und das Hostel vermissen werde, weil wir jetzt hier wie eine kleine Familie geworden sind, freue ich mich auf einen neuen Abschnitt unserer Reise.