Zusammen ist man weniger allein

Gefühle, Geschenke, Gedichte: Das Pflege- und Verwaltungspersonal in saarländischen Altenheimen begleitet die älteren Saarländer mit viel Fürsorge. Für viele Bewohner sind die Pfleger ein Familienersatz.

Manch einem graut es vor Weihnachten : Die Schwiegermutter nörgelt am Braten rum, der Onkel reißt zotige Witze und der Opa meckert, frei nach Loriot : "Früher war mehr Lametta." Da liegen die Nerven schnell blank. Doch was wäre Weihnachten ohne die Familie? Für einige Menschen in saarländischen Altenheimen ist das Realität - und die kann bisweilen bitter sein.

"Weihnachten bei uns im Heim ist immer sehr schön, aber es gibt auch viele Tränen", sagt Anja Ley, Leiterin der Senioren-Residenz am Alten Rathaus in Völklingen. Einige der 50 Bewohner haben gar keine Angehörigen mehr, andere können ihre Familie nicht besuchen, weil sie zu weit weg wohnt oder sie zu krank sind, um das Heim zu verlassen. Der Betreiber des Heims, Alloheim, hat sich deshalb etwas einfallen lassen. Anfang Dezember startete Ley einen Aufruf, Geschenke für die Heimbewohner abzugeben - nach dem Motto "Wichteln gegen die Einsamkeit". Der Aufruf stieß auf offene Ohren: Rund 70 Geschenke wurden abgegeben. "Wir sind selbst total erstaunt, wie viele Leute mitgemacht haben", sagt die Heimleiterin.

Emotional geht es an Heiligabend auch in der DRK-Seniorenresidenz Gersheim zu, die vor allem Menschen mit Demenz betreut. Doch in den Augen von Heimleiter Theo Schwarz ist das nichts Schlechtes. Wenn Kerzen brennen, es nach Tannengrün duftet und Weihnachtslieder gesungen werden, rühre das viele der Demenzkranken auf besondere Weise. "Oft werden Kindheitserinnerungen wach", sagt Schwarz. Der Heimleiter greift an Heiligabend übrigens persönlich in die Tasten. Mit einer tragbaren Orgel machen er, einige Mitarbeiter und ein Diakon die Runde, tragen Gedichte vor, spielen Weihnachtslieder und lesen aus dem Lukas-Evangelium vor.

Weihnachten im Altenheim bedeutet auch, dass die Mitarbeiter zurückstecken müssen - während die meisten Menschen am 24. schon in den Festvorbereitungen stecken, sind Pfleger und Betreuer oft noch auf der Arbeit - und das in der Regel gerne, so wie Petra Napieralla. Sie ist im Haus Bostalsee für die soziale Betreuung zuständig - seit 17 Jahren, und jedes Jahr verbringt sie Heiligabend im Heim. "Gerade an diesen Tagen ist es ganz wichtig, hier zu sein", sagt sie. Denn auch im Haus Bostalsee fließen an Heiligabend viele Tränen. "Es ist ja ein Familienfest, und wir haben sehr viele, die aus den verschiedensten Gründen nicht zu ihren Familien können."

Im Seniorenhaus St. Irmina der Caritas-Trägergesellschaft (CTS) in Dudweiler verteilen am 24. zwei "Engelchen" (Töchter von Mitarbeitern) Geschenke. Dass die Leiter an dem Tag mit den Bewohnern feiern, versteht sich von selbst. "Das ist seit zehn Jahren so Brauch", sagt CTS-Sprecherin Nele Scharfenberg. In den Caritas-Häusern steht neben gutem Essen und kleinen Geschenken auch viel Musik auf dem Programm. Im Seniorenhaus St. Augustin Püttlingen schauen kurz vor dem 24. der Kirchenchor, der Mandolinenverein und ein Tanzpaar aus Saarbrücken vorbei, im Seniorenzentrum Hanns-Joachim-Haus ein Bläser-Ensemble, und auch im Seniorenzentrum Haus am See in Nohfelden lädt der Selbacher Musikverein mit Blasmusik statt Glockengeläut zum Gottesdienst ein. Im Seniorenhaus Mandelbachtal greift die Pflegedienstleitung zum Kochlöffel und kocht für ihre Bewohner.

Kleine Geschenke vom Haus sind in den meisten Heimen üblich. Pflegedienstleiterin Iris Born vom Altenhilfezentrum St. Wendel der Stiftung Hospital ist schon rausgerutscht, was es ist: ein Nagelpflegeset (aber psst!). Auch für die Herren? "Die müssen ja auch mal Nägel schneiden", sagt Born. Über das Jahr fiel den Mitarbeitern nämlich auf, dass viele gar keine Nagelschere haben. Und auch hier darf ein festliches Essen nicht fehlen.

Ähnlich wie im Altenheim am Schloßberg Saarbrücken : Dort gibt es am 24. "Königinpastete mit einem Gläschen Wein - das hat Tradition", sagt Heimleiter Friedbert Gauer. Man sitzt beisammen, singt und redet. Bei manchen überwiegt dennoch die Wehmut, die "ziehen sich recht schnell wieder auf ihre Zimmer zurück", erzählt Gauer. Aber: "Keiner muss allein feiern." Und das ist wahrscheinlich die Hauptsache.