Zeigt her eure Schuhe. . .

Das Theater Überzwerg hat mit der Autorin Corinna Sigmund ein neues Stück erarbeitet. „Denk ich an D“ hat am 16. November Premiere. Wir haben vorab eine öffentliche Probe mit Publikum besucht.

"Schuhe sind nicht gleich Schuhe und sollten nicht zu einer Nebensächlichkeit degradiert werden!" Dieser Satz, dem Publikum beinahe im militärischem Befehlston entgegen geschrien, verhallt langsam, während auf der Bühne hektisch vier große Koffer ausgekippt werden. Schuhe über Schuhe landen auf dem Boden, fallen durcheinander, verursachen das größte Chaos. Sofort knien sich die vier Menschen, die an diesem Abend vor gut besetzten Rängen auf der Bühne des Theater Überzwerg stehen, in das Chaos und beginnen, sie zu sortieren.

"Iih, die hier sind ganz dreckig!". "Uäh, und die stinken, pfui Teufel!". "Hm, die könnten alle ein bisschen besser gepflegt sein...". In Windeseile, scheinbar getrieben von Zeitdruck und (typisch deutschem?) Ordnungszwang wird der Schuhhaufen zu einer Straße aus getragenen Schuhen. In Reih und Glied, bereit, registriert und weiterverarbeitet zu werden.

"Denk ich an D" heißt das Stück, das die Überzwerge in einer Voraufführung dem Publikum präsentieren. Am 16. November ist Premiere. "Was willst du in Deutschland?". "Was willst du hier?". Eindringliche Fragen, mit denen sich das Stück von Corinna Sigmund (Regie: Bob Ziegenbalg) intensiv auseinandersetzt. Fremdsein und Heimat, Ankunft in Deutschland - wie geht es den Menschen, die als Flüchtling irgendwo hier gestrandet sind? Große Themen für das Jugendtheater. Und große (oft gehörte) Worte, mit denen das Publikum konfrontiert wird: "Wir gehen offensiv auf diejenigen zu, die zu uns kommen!". "Wir schaffen das!". Und immer wieder Schuhe , die mal hierhin, mal dorthin geräumt, geworfen, getreten oder verlegt werden. Eine Metapher, die nicht eindringlicher sein könnte und die von den vier Schauspielern (Anna Bernstein, Reinhold Rolser, Jaschar Sarabtchian, Sabine Merziger) überzeugend gespielt wird.

"Theater-Collage" nennen die Überzwerge ihr Stück. Das Publikum wird mitgerissen in den Alltag ankommender Menschen. Das Thema Flucht wird zu einem amüsanten, atmosphärischen und teils beklemmenden Abend aufgearbeitet, der viele Fragen stellt. Integration? Gutbürger? Sprachbarrieren? Ausländerhass und natürlich die saarländische Auffangstation Lebach werden thematisiert.

Es ist ein Stück, in dem viele Menschen in den unterschiedlichsten Situationen auf der Bühne zu Wort kommen. Deutsche, Flüchtlinge, Rentner, Nachbarn, Jugendliche. Ein feierliches Auf und Ab, das das Publikum gerade auch mit schwierigen Situationen und beklemmenden Szenen konfrontiert. "Denk ich an D" zeigt sich in dieser öffentlichen Probe schon sehr fertig. Als ein äußerst gelungener Theaterabend à la Überzwerg, der kritisch hinterfragt, Meinungsbildung fördert und fordert und an dem sowohl gelacht als auch geschluckt werden darf. Rasant wirbeln die vier Schauspieler über die Bühne, sortieren Schuhe , die eigentlich ja geflüchtete Menschen verkörpern, sinnieren und erzählen und überzeugen letztlich mit ihrer großen Spielfreude. All das, ohne dem Publikum eine Meinung aufdrücken zu wollen. Ein spannender, intensiver und lehrreicher Abend mit Gänsehautmomenten - mit einem verdienten großen Schlussapplaus.

Zum Thema:

Auf einen Blick "Denk ich an D" von Corinna Sigmund sollte eigentlich schon im September uraufgeführt werden. Aber die Autorin erhielt kurzfristig ein zweimonatiges China-Stipendium. Deshalb wurde das noch nicht ganz fertige Stück als öffentliche Probe oder Vorpremiere gespielt. Die eigentliche Premiere ist am 16. November, 19.30 Uhr. Am 11. und 12. November gibt es nochmal öffentliche Proben. Grundlage von Corinna Sigmunds erfolgreicher Stipendiums-Bewerbung war übrigens ein Text, der für "Denk ich an D" entstand. Das Stück ist geeignet für Jugendliche ab Klassenstufe neun. (Info: www.ueberzwerg.de ). red