| 20:14 Uhr

Wuchern mit Industrie-ReliktenEine Stadt im Wandel

Sie schreiben, Neunkirchen sei als Einkaufsstandort eine ernst zu nehmende Konkurrenz für Saarbrücken geworden: Blieszentrum - Berliner Promenade, Saarpark-Center - Saargalerie. Jetzt kommt aus Saarbrücken "Stadtmitte am Fluss" oder eine neue Shopping Mall. Verliert Neunkirchen den Anschluss?Kühne: Den Anschluss verliert Neunkirchen sicherlich nicht

Sie schreiben, Neunkirchen sei als Einkaufsstandort eine ernst zu nehmende Konkurrenz für Saarbrücken geworden: Blieszentrum - Berliner Promenade, Saarpark-Center - Saargalerie. Jetzt kommt aus Saarbrücken "Stadtmitte am Fluss" oder eine neue Shopping Mall. Verliert Neunkirchen den Anschluss?



Kühne: Den Anschluss verliert Neunkirchen sicherlich nicht. Neunkirchens Einzugsbereich erstreckt sich weit nach Rheinland-Pfalz hinein, doch wird es sicherlich schwerer, sich im Wettbewerb mit Saarbrücken als Oberzentrum, aber auch anderen Mittelzentren, zu behaupten. Hier sind Ideen gefragt, die Neunkirchen zu einem einzigartigen Standort machen. Das Alte Hüttenareal zeigt, womit die Stadt neben Einkaufsmöglichkeiten wuchern kann. Auch überregional beobachte ich ein wachsendes Interesse an den Relikten der Schwerindustriezeit. Diese Verbindung zwischen inszenierter Altindustriekultur, Versorgung und Gastronomie hat in dieser Kombination und räumlicher Nähe schon eine Besonderheit, die ansonsten selten bis nie zu finden ist.

Sie wollen nicht ausschließen, dass die Ausrichtung des Saarpark-Centers auf den Kunden mit Auto - gute Anbindung, viele Parkplätze - wegen steigender Energiepreise und des Klimawandels zu einer Attraktivitätsminderung gegenüber Saarbrücken führen könne. Weil zum Beispiel die Saarbahn auf die Landeshauptstadt ausgerichtet ist?

Kühne: Mittel- und langfristig ist sicherlich davon auszugehen, dass jene Zentren Wettbewerbsvorteile aufweisen, die in das System des Öffentlichen Personennahverkehrs zentral eingebunden sind. Das trifft natürlich insbesondere auf die Landeshauptstadt zu. Eine frühzeitige verstärkte Ausrichtung der Stadt auf den ÖPNV kann hier sicherlich einiges kompensieren. Da zeigt sich im Nachhinein, dass die Entscheidung zur Aufgabe des eigenen Straßenbahnnetzes nicht die weitsichtigste Entscheidung in der Stadtgeschichte war.

Stichwort Klimawandel - ökologische Fragen begleiten den Leser durch Ihr Buch. So erwarten Sie zum Beispiel für Bereiche der Neunkircher Innenstadt eine erhöhte Schadstoffbelastung durch das Zusammenwirken von Bebauungsstruktur und Verkehrsführung. Wie muss Stadtplanung heute etwa Ozonbelastung berücksichtigen?

Kühne: Erhöhte Temperaturen infolge des Klimawandels führen dazu, dass insbesondere Innenstädte thermisch belastet sein werden. Hier gilt es, mit Hilfe einer stärkeren Durchgrünung der Stadt und durch die Offenhaltung oder Schaffung von Frischluftschneisen, die Folgen des Klimawandels für die Neunkircherinnen und Neunkircher abzuschwächen. An der Belastung mit bodennahem Ozon wiederum kann die Stadtplanung wenig ändern, Ozon entsteht bei intensiver Sonneneinstrahlung mit wesentlicher Beteiligung von Autoabgasen eher regional und nicht lokal.Neunkirchen. Am Beispiel einer Altindustriestadt wie Neunkirchen sind die räumlichen Folgen gesellschaftlicher Veränderungen besonders nachvollziehbar. Sagt der Soziologie-Professor Olaf Kühne: Aus einem geordneten räumlichen Gefüge wurde ein Patchwork von Aufwertungen, Brachen und Umgestaltungen. Kühnes 95 Seiten starke wissenschaftliche Abhandlung "Neunkirchen - Eine Stadt zwischen Moderne und Postmoderne" mit zahlreichen Bildern und Schaubildern will die Entwicklung der Stadt Neunkirchen aus Sicht der sozialwissenschaftlichen Forschung in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang einordnen.

Wie hängen städtebaulicher Strukturen mit wirtschaftlicher, politischer, sozialer und kultureller Entwicklung zusammen? Zudem richtet sich der Kühnes Blick auf ökologische Belange. An diesem Mittwoch, 20. Mai, um 19 Uhr wird das Buch vom Autor und von Michael Schley, stellvertretender Vorsitzender der Mitgliederversammlung des Instituts für Landeskunde im Saarland, in der Neunkircher Buchhandlung Bücher König, Bahnhofstraße 43, präsentiert. cle

Olaf Kühne, Neunkirchen - Eine Stadt zwischen Moderne und Postmoderne, Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 46, erschienen 2008, ISBN 978-3-923877-46-1. Erhältlich im Buchhandel und beim Institut für Landeskunde im Saarland. Preis zehn Euro.

Zur Person

Olaf Kühne wurde 1973 in Bochum geboren und lebt heute in Kirkel. Er studierte Geographie, Neuere Geschichte und Geologie an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken und Soziologie an der Fern-Universität in Hagen. 1999 promovierte der Diplom-Geograph über das Stadt- und Bioklima von Homburg. Die Habilitation folgte 2002 zu Systemtransformation und Umwelt in Polen. 2006 promovierte Kühne in Soziologie zu Landschaft der Postmoderne. Sein wissenschaftliches Interesse gilt vor allem dem Verhältnis von Gesellschaft und Umwelt und der saarländischen Landeskunde. Kühne ist Direktor des Instituts für Landeskunde im Saarland (Iflis) mit Sitz in Reden und außerplanmäßiger Professor für Geographie an der Universität des Saarlandes. red