„Wir wollen doch nur mal raus“

„Es fehlt an altersgerechtem Wohnraum“, sagt der Saarbrücker Mieteranwalt Kai Werner. Bewohner der St. Johanner Halbergstraße 9 wissen, wovon er redet. Die Treppe am Eingang des Häuserblocks, in dem sie leben, ist für sie zum fast unüberwindbaren Hindernis geworden.

 Norbert Lambert kommt mit seinem motorisierten Rollstuhl die Auffahrt der Tiefgarage hoch. Mit dem Rollator oder einem normalen Rollstuhl ist der Aufstieg kaum zu schaffen.
Norbert Lambert kommt mit seinem motorisierten Rollstuhl die Auffahrt der Tiefgarage hoch. Mit dem Rollator oder einem normalen Rollstuhl ist der Aufstieg kaum zu schaffen.

Der alten Dame ist es etwas peinlich. Sie traue sich einfach nicht in die Tiefgarage, sagt sie. Da sei es unheimlich. Das Problem: Die Tiefgarage ist für die Frau, die sich nur noch mit dem Rollator bewegen kann, und viele andere ältere Bewohner der Halbergstraße 9 die einzige Chance, das Haus zu verlassen. Und das auch nur mit sehr viel Mühe. Denn zunächst müssen die alten Menschen mit dem Fahrstuhl in den Keller fahren, dann die schweren Brandschutztüren zur Garage öffnen. Wenn sie das geschafft haben, müssen sie die für Autos leicht zu befahrende, für Rollatoren aber quälend lange Ausfahrt hoch.

Für die meisten der Senioren endet der Versuch mal rauszukommen, an der Brandschutztür. "Ich hatte schon Tränen in den Augen, weil ich die Tür einfach nicht aufbekommen habe", sagt Solweig Ludt. Sie ist 71 Jahre alt und wohnt schon seit rund 30 Jahren im Haus - wie viele andere Mieter auch.

"Die Wohnungen sind schön. Und als wir eingezogen sind, hat ja niemand darüber nachgedacht, dass er irgendwann mal im Rollstuhl sitzt oder einen Rollator braucht", sagt Ingrid Simon. Sie ist 77 Jahre alt und versucht die Wohnungsverwaltung, die Saarbrücker ABIG, schon seit gut zwei Jahren davon zu überzeugen, dass sich etwas tun muss.

Die ABIG bemühe sich, erklärt eine Mitarbeiterin. Aber die ABIG ist eben nicht Eigentümer der Wohnblocks in der Halbergstraße. Die Eigentümer sitzen nach SZ-Informationen in Israel. Es scheint auch für die Saarbrücker Verwalter nicht einfach zu sein, an die entscheidenden Stellen vorzudringen und dort klarzumachen, wie wichtig eine Rampe oder ein kleiner Aufzug wäre.

Man verstehe die Situation der alten Menschen sehr gut und bemühe sich sehr intensiv, die Eigentümer von einer Investition in Barrierefreiheit zu überzeugen. Fachleute haben sich das Ganze auch schon angesehen und Lösungsvorschläge gemacht. Die Antwort der Eigentümer stehe noch aus.

Zumindest einige der Senioren in der Halbergstraße 9 glauben, dass man sie nur vertrösten will. Charlotte Kastner-Wintrich, 86 Jahre alt, ist eine von ihnen. Am 11. März 2012 hat ihre Tochter einen Brief an die ABIG geschrieben und genau beschrieben, wie das mit der großen Treppe und den schweren Türen in der Tiefgarage ist. Die Tochter hat sogar einen Artikel aus der Saarbrücker Zeitung mitgeschickt, in dem über Zuschüsse des Landes für Vermieter, die ihre Wohnungen barrierefrei machen wollen, berichtet wird.

"Die Diskussion habe ich mit der Hausverwaltung seit Jahren", sagt Norbert Lambert. Weil sein Rollstuhl einen Motor hat, kommt er zwar die Auffahrt der Tiefgarage hoch, aber die schweren Türen im Keller kann er alleine nicht öffnen.

Heidemarie John ist 71 Jahre alt, saß nach drei Halswirbel-Operationen zunächst im Rollstuhl. Seit zwei Jahren kann sie sich mit dem Rollator bewegen. Sie schaffte es damit auch in die Tiefgarage. "Aber dort komme ich nur raus, wenn jemand mit dem Auto kommt und mich abholt, um mich zum Beispiel zum Arzt zu bringen, sagt sie, denkt kurz nach und ergänzt: "Wir sind eingesperrt."

Viele der Bewohner hätten lange eher still gelitten, weil sie Angst hatten, etwas zu sagen, weiß Ingrid Simon. "Die dachten: ,Wenn wir etwas sagen, werden wir gekündigt.' Aber will wollen ja nicht frech sein. Wir wollen nur ganz normal rein und raus kommen", erklärt die 77-Jährige. Mit der Kündigung geht das nicht so schnell, sagt der Saarbrücker Mietrechtsanwalt Kai Werner, der auch Vorsitzender des Mieterbunds Saarland ist. Aber rein rechtlich gesehen haben die alten Menschen keinen Anspruch darauf, dass ihr Vermieter für Barrierefreiheit sorgt. Ein Mieter brauche sogar die Zustimmung seines Vermieters, wenn er in der Wohnung - etwas das Bad - auf eigene Kosten seniorengerecht umbauen will. Dass Menschen in einem so hohen Alter sich eine neue Wohnung suchen, sei natürlich extrem schwierig. Oft reiche die Rente für einen Umzug nicht. Und viele alte Menschen seien damit alleine auch überfordert. Das barrierefreie Wohnen sei ein Problem, das in der Gesellschaft "unterschätzt" wird. Da bestehe ein enormer Handlungsbedarf, sagt Kai Werner.

Die alten Menschen hoffen nun weiter darauf, dass die Hausverwaltung die Hauseigentümer überzeugen kann. Viele haben nämlich Angst, dass es ihnen ergeht wie Waltrud Kilian. Sie ist 84 Jahre alt, in der Tiefgarage gestürzt, hat sich dabei den rechten Oberarm und die rechte Kniescheibe gebrochen.