Wildschweine in der Stadt machen AngstSchwierige Jagd in dicht besiedelten Gebieten Jagdverbote schränken Schwarzwildbekämpfung ein

Wildschweine in der Stadt machen AngstSchwierige Jagd in dicht besiedelten Gebieten Jagdverbote schränken Schwarzwildbekämpfung ein

Saarbrücken. Auf der einen Seite der Straße laufen Kinder auf dem Bürgersteig vom Kindergarten nach Hause, und auf der anderen Seite der Straße marschiert eine Rotte Wildschweine und lässt sich nicht im Geringsten von Menschen oder Autos stören. Das Ziel der Rotte sind die Vorgärten in der Eifelstraße auf dem Rastpfuhl

Saarbrücken. Auf der einen Seite der Straße laufen Kinder auf dem Bürgersteig vom Kindergarten nach Hause, und auf der anderen Seite der Straße marschiert eine Rotte Wildschweine und lässt sich nicht im Geringsten von Menschen oder Autos stören. Das Ziel der Rotte sind die Vorgärten in der Eifelstraße auf dem Rastpfuhl. Ein Szenario, das Renate Müller schon zigmal vom Fenster aus beobachtete. "Die Wildschweine kommen bis zu uns in die Gärten und verwüsten alles. Es sind bereits Schäden von mehreren 1000 Euro entstanden", erzählte sie in der vergangenen Woche im Café Noir auf dem Rastpfuhl. Dorthin hatte die Partei Die Linke eingeladen, um über das Wildschwein-Problem auf dem Rastpfuhl zu reden. "Ich gehe morgens um fünf Uhr aus dem Haus und zur Arbeit. Direkt vor unserem Haus wühlen die Schweine im Garten. Ich habe immer Kieselsteine in der Hand, falls die angreifen", sagt Carina Eppers. Die Menschen auf dem Rastpfuhl sind verängstigt, denn die Wildschweine treiben mitten am Tag auch auf Spielplätzen ihr Unwesen. "Das ist genau wie damals bei den Kampfhunden. Erst heißt es, die machen nix, und erst wenn wirklich was Schlimmes passiert, wird gehandelt", regt sich Thomas Schaumburger auf.

Jäger Siegfried Reidenbach versuchte, die angespannte Situation auf der Versammlung zu entschärfen. "Es gibt so gut wie keine Angriffe von Wildschweinen. Es sei denn, man drängt sich zwischen Schwein und dessen Nachwuchs, dann können sie aggressiv werden", sagt Reidenbach, der in diesem Jahr bereits 15 Wildschweine in Saarbrücken geschossen hat.

Aber das darf er nicht überall. In befriedeten Gebieten und dazu gehören auch Wohngebiete ist die Jagd tabu. Es sei denn, es wird eine Sondergenehmigung erteilt. "Die muss die oberste Jagdbehörde erteilen, und das ist das Umweltministerium. Zusätzlich braucht der Jäger eine Schießerlaubnis von der Waffenbehörde, und das ist die Stadt Saarbrücken", erklärt Reidenbach. Bereits im kommenden Jahr möchte die Stadt aber Grundlegendes bei der Jagd in der Stadt ändern. "Saarbrücken beabsichtigt, eine innerstädtische Jagdgenossenschaft zu gründen. Diese könnte dann das Schießen auf Wildschweine in Wohngebieten erlauben. Doch das ist ein heikles Thema. Es gibt auch viele Gegner", erklärt Rolf Linsler, der Fraktionsvorsitzende der Linken. Und was können die Bürger auf dem Rastpfuhl tun, um sich und ihre Gärten vor den Schweinen zu schützen? "Im Prinzip nichts, außer einen Zaun aufzustellen, damit die Schweine nicht durch kommen. Entweder einen ordentlichen Elektrozaun oder schwere Baumatten in den Boden stecken. Das ist die sicherste Variante", weiß Jäger Roland Egelhof, der im Füllengarten in Saarbrücken in diesem Jahr bereits 20 Wildschweine erlegt hat. "Ich bin aus dem Füllengarten und habe überhaupt keine Probleme mit den Anwohnern. Wir kennen uns alle. Sollte das Schießen in Wohngebieten verbreiteter erlaubt werden, wäre es sehr sinnvoll, wenn es die Jäger täten, die aus dem Gebiet kommen", sagt Egelhof weiter.

Über eines waren sich die etwa 50 anwesenden Bürger auf dem Rastpfuhl jedoch einig: Im Bezug auf die Wildschwein-Problematik habe die Politik völlig versagt, und die Bürgerinnen und Bürger stehen mit ihren Sorgen alleine da. Saarbrücken. Das Wichtigste auf der Jagd ist nicht Beute - sondern Sicherheit. Schließlich benutzt der Jäger eine tödliche Waffe für sein Handwerk. Diesen wichtigsten Grundsatz bekommen Jagdschüler vom ersten Tag ihrer Ausbildung an regelrecht eingehämmert. Jeder Jäger ist nämlich für seinen Schuss voll verantwortlich und zwar in strafrechtlicher wie auch in zivilrechtlicher Hinsicht. Mit anderen Worten - ein fehlgegangener Schuss, der Schaden anrichtet, kann teuer werden oder den Schützen ins Gefängnis bringen.

Bevor also auf eine Sau abgedrückt wird, müssen drei grundlegende Voraussetzungen erfüllt sein: Der Jäger muss das Ziel klar erkannt haben und genau wissen, auf was er da schießen wird. Er muss ein freies Schussfeld vor und hinter dem Ziel haben, und darüber hinaus muss ein so genannter "natürlicher Kugelfang" existieren. Dieser soll gewährleisten, dass die Kugel, nachdem sie die Sau getroffen und in den meisten Fällen dann auch durchschlagen hat, aufgefangen wird und keinen Schaden anrichten kann. Ein sicherer "natürlicher Kugelfang" ist aber nur gewachsener Boden. Ein Baum oder lockeres Unterholz halten ein Geschoss nicht auf. Asphalt oder Steinplatten können es gar in einen unkontrollierten Querschläger verwandeln, der noch weit entfernt Schaden anrichtet. Weil in bewohnten Gebieten nun aber ein solcher Kugelfang schwer zu finden ist und vor allem, weil viele Menschen auf engem Raum beisammen sind, hat der Gesetzgeber die Jagd überall dort verboten, wo Menschen gefährdet werden können (siehe Text oben). Das gilt eben auch für die Saarbrücker Randzonen, die vom Schwarzwild heimgesucht werden. Nun könnte man fragen, warum dann in solchen Gebieten nicht weniger gefährliche Munition eingesetzt wird, die vielleicht etwas schwächer geladen ist. Auch hier gilt es aber, gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Um das Wild schnell und schmerzarm zu erlegen, das Gesetz spricht von tierschutzgerecht, der Jäger von waidgerecht, muss Jagdmunition ein bestimmtes Kaliber und eine bestimmte Stärke besitzen. Die Energie eines jagdlich genutzten Geschosses, zum Beispiel für Schwarzwild, liegt dabei in der Regel sogar weit über der gewöhnlicher Militärmunition. Die damit erfüllten Grundsätze der Waidgerechtigkeit können nun aber in urbanen Problemgebieten nicht einfach außer Kraft gesetzt werden, sie gelten überall. Saarbrücken. Das deutsche Jagdrecht basiert auf einem Reviersystem. Gejagt werden darf nur in diesen Revieren. Im Saarland bedeutet das zum Beispiel, man muss 75 Hektar bejagbare Fläche besitzen, um daraus einen so genannten "Eigenjagdbezirk" zu bilden. Besitzer von Flächen, die weniger als 75 Hektar umfassen, müssen sich laut Gesetz in einer "Jagdgenossenschaft" zusammenschließen. Mindestens 150 Hektar verschiedener Besitzer, von denen mindestens 75 Hektar bejagbar sein müssen, bilden dann einen "gemeinschaftlichen Jagdbezirk", der an einen oder mehrere Jäger verpachtet wird.

Bestimmte Flächen sind nun aber entweder kraft Gesetz so genannte "befriedete Gebiete", oder können von der Verwaltung zu solchen erklärt werden. Dort ist die Jagd dann in jedem Fall verboten (siehe Info). Sondergenehmigungen sind aber möglich. Schon dies schränkt die Jagd in den vom Schwarzwild heimgesuchten Saarbrücker Randgebieten maßgeblich ein. Noch erheblich wichtiger für das Ruhen der Jagd in urbanen Räumen ist jedoch der Paragraf 20 des Bundesjagdgesetzes. Der verbietet nämlich die Jagdausübung ganz allgemein überall dort, wo "die Jagd die öffentliche Ruhe, Ordnung oder Sicherheit stören oder das Leben von Menschen gefährden könnte". In und am Rande von Wohngebieten ist genau das in der Regel der Fall. aw

Jagd ist nur ein Teil der Lösung

Von SZ-Redakteur

Alexander Will

Nein, hier hat die Politik nicht versagt, denn auch die Jagd ist bei der Bekämpfung der Sauen-Plage im städtischen Raum nur ein Teil der Lösung. Die Stadtverwaltung muss sich an Recht und Gesetz halten. Das gilt auch für das Jagdgesetz. Doch selbst wenn es erlaubt wäre, auf dem Rastpfuhl, am Eschberg und am Füllengarten ganz normal auf die Jagd zu gehen - wie viele Jäger würden das Risiko eingehen, in unmittelbarer Nähe von Häusern einen Schuss abzugeben? Ein unglücklicher Querschläger und der Schütze wird seines Lebens nicht mehr froh. Auf die Unterstützung der Öffentlichkeit darf er dann nicht hoffen - so laut wie heute der Abschuss der Sauen in den städtischen Randgebieten gefordert wird, so schnell wird man in einem solchen Fall nach der gnadenlosen Bestrafung des Schützen schreien. Daher ist die Jagd im urbanen Raum nur sinnvoll, wenn sie hilft, Brennpunkte zu entschärfen. Dass Schwarzwild auf dem Land, wo es durch die um sich greifende Mais-Monokultur paradiesische Zustände vorfindet, mit der Büchse reduziert werden muss und wird, versteht sich dabei.

Es ist daher eine traurige Wahrheit, dass die Bewohner der städtischen Sauen-Problemgebiete sich selbst helfen müssen. Wild wird immer dort sein, wo es Nahrung und Deckung findet, auch in Vorgärten. Es hilft, auf Komposthaufen im Garten zu verzichten, Lebensmittelreste nicht in die Landschaft zu entsorgen und Zäune zu bauen. Vielleicht ist auch an die Rodung von Dickicht zu denken, das den Tieren Deckung bietet. Der nette Jagdpächter von nebenan gibt sicher auch gern Tipps, wie man die ungebetenen Gäste loswird. Im Übrigen gilt: Mensch und wildes Tier leben auf der selben Erde. Stadtmenschen vergessen das gern.

Auf einen Blick

Befriedete Gebiete kraft Gesetz: alle Gebäude, Hofräume, Hausgärten, Friedhöfe, Zoos und Tiergehege, Autobahnen.

Flächen, die von der Verwaltung zu befriedeten Gebieten erklärt werden können: öffentliche Anlagen, Naturschutzgebiete, vollständig durch Zaun oder Mauer abgeschlossene Flächen, geschlossene Gewässer aw

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