| 20:11 Uhr

Wieder mehr Kinder in den Schulen

Die Schulen im Saarland verzeichnen mehr Schüler. Ab Montag drücken 2,7 Prozent mehr die Schulbank als noch im vorigen Jahr. Foto: dpa
Die Schulen im Saarland verzeichnen mehr Schüler. Ab Montag drücken 2,7 Prozent mehr die Schulbank als noch im vorigen Jahr. Foto: dpa FOTO: dpa
Saarbrücken. 7650 Kinder haben am Montag ihren allerersten Schultag – 2,7 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. 4376 Schüler besuchen gebundene Ganztagsschulen – dreimal so viel wie zu Beginn der Amtszeit von Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD). Cathrin Elss-Seringhaus

"Im Saarland zählt, was Kinder in den Köpfen haben und nicht, was ihre Eltern im Geldbeutel haben" - auf diese einprägsame Formel reduzierte gestern Saar-Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD ) die Ergebnisse von bundesweiten Bildungsstudien , die belegen, dass das Saarland in Sachen Bildungsgerechtigkeit gut abschneidet. Er wertet dies als Bestätigung seiner sozialdemokratischen Bildungspolitik. Doch genug ist nicht genug. Der Minister gibt sich beispielsweise nicht zufrieden mit der Verdreifachung der Schülerzahlen an gebundenen Ganztagsschulen seit Beginn der Legislaturperiode. Gestern nutzte er das Sommergespräch kurz vor Schulstart-Beginn am Montag, um zentrale Wahlkampf-Themen zu platzieren. "Mein Ziel ist echte Wahlfreiheit und ein Rechtsanspruch auf Ganztagesunterricht", sagte er. Die vergangenen Jahre hätten bewiesen, dass der Bedarf da sei und weiter wachse. 5400 Schüler würden an 26 Standorten in gebundenen Ganztagsangeboten unterrichtet, davon 4400 an gebundenen Ganztagsschulen , der Rest in Ganztagsklassen an normalen (Halbtags-)Schulen.


Außerdem, so Commerçon, setze er sich für "kostenlose Bildung von Anfang an" ein, sprich für eine komplette Beitragsfreistellung für Kindergarten-Plätze. 50 Millionen Euro nannte er als Kosten. Die generelle Beitragsfreiheit lasse sich nicht in einem Schritt realisieren, sondern nur in einem langjährigen Prozess, bei dem sich die Beiträge zunächst am Einkommen der Eltern bemessen. Derzeit sind nur die Gebühren für das dritte Kita-Jahr einkommensabhängig. Nach 1999 schaffte eine CDU-Landesregierung die Gebühren fürs dritte Kindergartenjahr komplett ab, doch 2011 wurde dies wieder kassiert, um beim Bund-Länder-Finanzausgleich nicht den Vorwurf zu provozieren, das Saarland leiste sich unverschämt viel mehr als die Geberländer. Der jetzige Bildungsminister lässt sich davon offensichtlich nicht schrecken. Commerçon hat bereits erlebt, dass (sozialdemokratische) Anliegen, die zunächst undenkbar schienen, durchlaufen, etwa die Erhöhung der Lehrerzahl - 289 zusätzliche Kräfte wurden seit 2014/2015 eingestellt. "Der im Koalitionsvertrag vereinbarte Abbau ist ausgesetzt", so Commerçon. Nicht nur die Flüchtlingskinder hätten diese Entwicklung befördert, auch die längere Verweildauer an Schulen und höhere Geburtenraten als noch 2010 prognostiziert - etwa plus 2,5 Prozent im Jahr 2015 (2014: plus sieben Prozent). "Im Saarland kommen wieder mehr Kinder zur Welt. Das ist ein gutes Zukunftszeichen", so der Minister. Junge Familien sähen wieder mehr Chancen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Commerçon führt dies unter anderem auf seine aktive Ganztagsbetreuungs-Politik zurück. So sei auch die Anzahl der Krippenplätze seit 2012 um 60 Prozent (2379 Plätze) gesteigert worden. Im Saarland gebe es aktuell eine Versorgungsquote von 31 Prozent: "Wir möchten in den nächsten Jahren auf 40 Prozent kommen." Wobei Commerçon die unterschiedliche Nachfragesituation in Ballungsgebieten und auf dem Land berücksichtigen will: "Eltern bevorzugen arbeitsplatznahe Krippenplätze ", sagte er. Deshalb müsse es mehr Plätze in Städten geben. Weniger entspannt sieht der Minister das Kindergartenangebot. Hier gebe es "Handlungsbedarf". 27 382 Kinder über drei Jahren hätten einen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Zur Verfügung stünden 27 547 Plätze - an sich genug, doch der "Deckungsgrad" sei angesichts der Zuwanderung und längerer Betreuungszeiten zu gering. "Es werden 2100 zusätzliche Plätze benötigt", so der Minister. Er kündigte Gespräche mit dem CDU-Koalitionspartner über "Anpassungen im Landesinvestitionsprogramm" an. Hauptunterstützung braucht laut Commerçon der Regionalverband, der weniger Plätze aufweise, als Kinder da seien.

Die Grünen reagierten gestern mit Kritik auf die Ankündigungen. Sie seien "nur leere Wahlkampfversprechen", sollte Commerçon nicht in dieser Legislaturperiode noch Realisierungsschritte einleiten, hieß es.



Meinung:Die CDU sollte mitziehen

Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Gut gebrüllt, Löwe. Das muss man dem Bildungsminister lassen: Er weiß Themen zu besetzen. Und seien sie längst akzeptiert vom Koalitionspartner CDU , wie die Entlastung bei den Kita-Beiträgen. Wer wollte sie nicht? Doch würde gelten "Wer bestellt, der bezahlt", dann wäre auch für Commerçon der Spaß zu Ende. Kurz: Die Idee ist ebenso fabelhaft wie illusionär, und angesichts der Bundes-Großwetterlage für das Saarland strategisch unklug. Anders verhält es sich mit dem Ziel, das Ganztages-Schulangebot konsequent auszubauen. Das ist längst kein ideologieverbohrtes SPD-Vorhaben mehr, sondern ein gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Gebot des 21. Jahrhunderts. Alles andere wäre Sozialromantik. Die CDU tut gut daran, ihre Rückzugsgefechte aufzugeben - und mitzuziehen.