Wie viel Hilfe braucht der internationale Patient?

Umstritten ist die deutsche Asylpolitik nicht nur ideologisch: Bei einer Veranstaltung am Klinikum Saarbrücken führten Mediziner aus mehreren Bundesländern Argumente ins Feld, die bestehende Regelungen auch fachlich fragwürdig erscheinen lassen.

Wenn Gesundheit ein Menschenrecht ist, müssen dann Flüchtlinge und Asylsuchende hierzulande nicht auch wie Bundesbürger Zugang zu einer umfassenden Gesundheitsversorgung haben? Bei einer Veranstaltung mit dem Titel "Der internationale Patient" am Klinikum Saarbrücken rückte diese Frage am Samstag indirekt immer wieder ins Zentrum. Mediziner aus mehreren Bundesländern berichteten über Erfahrungen in der medizinischen Betreuung von Flüchtlingen und den Umgang mit (Tropen-)Infektionen bei Asylsuchenden und Touristen. Zweifel an der Praxis im Umgang mit Flüchtlingen wurde dabei jedoch nicht nur bei den Medizinern laut, sondern auch von staatlicher Seite: Innen-Staatssekretär Georg Jungmann (CDU ) warf der Ärzteschaft vor, die Abschiebung von Asylsuchenden in mehreren Fällen zu vereiteln. "Es kommt immer wieder vor, dass bei der drohenden Abschiebung Atteste vorgelegt werden, wonach die Krankheit eines Betroffenen in seinem Heimatland nicht behandelt werden könne", so Jungmann. Der CDU-Politiker bezeichnete das als "Schikane". Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge prüfe zuverlässig, ob eine Abschiebung zumutbar sei, so Jungmann. Zudem werde Flüchtlingen hierzulande eine "notwendige medizinische Hilfe nicht verweigert".

Ob eben diese allerdings ausreichend und die gesetzlichen Vorgaben zielführend sind, erscheint angesichts der Vorträge zumindest fraglich. Eine für Flüchtlinge vorgeschriebene Röntgenaufnahme zum Schutz vor ansteckenden Krankheiten erfasst nach Angaben von Johannes Ortmann vom Waldklinikum in Gera beispielsweise nicht zuverlässig eine Tuberkulose-Infektion. Zudem würden die Heilungschancen eines Erkrankten stark reduziert, wenn er während der Therapie abgeschoben wird. Der Aachener Psychoanalytiker Hans Wolfgang Gierlichs führte zudem aus, dass das Asylbewerberleistungsgesetz die Behandlungsmöglichkeit von traumatisierten Flüchtlingen einschränke. Seinen Angaben zufolge leiden rund 40 Prozent der Asylsuchenden in Deutschland an posttraumatischen Belastungsstörungen. Oft sind sie Opfer von Folter, Vergewaltigung oder verheerenden Kriegserlebnissen.

Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht bei Flüchtlingen eine Behandlung nur bei akuten Schmerzzuständen und Schwangerschaften vor. Wie ihre medizinische Versorgung ausgeweitet werden kann, hat Bremen vorgemacht. Noch unter der großen Koalition von CDU und SPD wurde dort ein Gesundheitsprogramm aufgelegt, dass Flüchtlingen "eine vollumfassende medizinische Versorgung zur Verfügung stellt, die über die bloße Behandlung von Symptomen hinausgeht", wie die Bremer Grünen-Politikerin Zahra Mohammadzadeh berichtete. Zudem erhielten Flüchtlinge eine Krankenversichertenkarte, die ihnen eine freie Arztwahl ermögliche. Das Gesundheitsprogramm kostet den Stadtstaat nach Angaben Mohammadzadehs jährlich rund 150 000 Euro. Das "Bremer Modell" zu übernehmen, ist im Saarland "weder geplant noch angedacht", wie Staatssekretär Jungmann der SZ sagte. Tropenmediziner rechnen nach dem Ende der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien mit einem Anstieg von Denguefieber-Erkrankungen in Deutschland . Studien zufolge wird die von der Stechmücke Aedes aegypti übertragene Viruserkrankung weltweit am häufigsten in Brasilien verzeichnet. Das höchste Erkrankungsrisiko besteht demnach im Nordosten des Landes, wo die deutsche Nationalmannschaft vor tausenden Fans ihre Vorrundenspiele absolviert hat. Nach Angaben von Klaus Radecke, Oberarzt am Klinikum Saarbrücken, ist das Denguefieber die sich am schnellsten ausbreitende Viruserkrankung weltweit. Im vergangenen Jahr wurde bei fiebernden Tropenrückkehrern in Deutschland mit über 600 Fällen erstmals mehr Denguefieber als Malaria diagnostiziert. Gegen den lebensgefährlichen Denguevirus gibt es bislang keinen Impfschutz.

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