Wer wusste wann was?

Listen, Denkmalschutz, Gutachten, Sofortmaßnahmen – bei der Diskussion über die Fechinger Talbrücke verliert man schnell den Überblick. Die SZ-Redakteure Florian Rech und Daniel Kirch fassen die wichtigsten Geschehnisse seit 2008 zusammen.

Januar 2008: Eine Berechnung ergibt: Damit die Fechinger Talbrücke in die Brückenklasse mit der höchsten Belastbarkeit eingestuft werden kann, wäre eine Verstärkung nötig. Die Untersuchung bezog sich ausschließlich auf den Überbau, die Stützpfeiler wurden nicht betrachtet.

März 2010: Beim Landesbetrieb für Straßenbau (LfS) geht die erste Version einer Liste des Bundes mit zu untersuchenden Brücken ein. Die Fechinger Talbrücke wird darin auf Platz 40 von 43 geführt. Sie ist die einzige Brücke auf der Liste in Stahlbauweise. Bei allen anderen handelt es sich um Spannbetonbauwerke, für die der Bund ein erhöhtes Risiko sieht.

19. April 2010: Die Fechinger Talbrücke wird unter Denkmalschutz gestellt.

Mai 2011: Bund und Länder führen für bestimmte Brücken neue Kriterien ein. Die Fechinger Talbrücke wird in der neuen Liste in Kategorie 4 von 8 eingestuft, akuter Handlungsbedarf besteht demnach nicht. Der LfS beginnt wegen akuter Schäden und Verkehrsstörungen mit der Planung von Reparaturarbeiten an der nahe gelegenen Grumbachtalbrücke. Parallel läuft die Abarbeitung der statischen Rechnungen aller in der ursprünglichen Liste des Bundes enthaltenen Spannbetonbauwerke weiter.

2012: LfS und Saar-Verkehrsministerium treffen intern die Entscheidung für den Ersatzneubau der Fechinger Talbrücke. Gründe: 1. Eine Einstufung in die höchste Brückenklasse ist nur mit Verstärkung möglich. 2. Der heutige Laststandard für Autobahnen ist nicht erreichbar. 3. Die alten Stähle sind nur noch bedingt schweißfähig (unreiner Stahl , negative Erfahrungen bei der Grumbachtalbrücke, Rissebildung).

Ab Mai 2014: Um Umleitungen für die Zeit der Bauarbeiten an der Fechinger Talbrücke zu untersuchen, werden Verkehrsströme ermittelt.

Ab Juli 2014: Eine großräumige Vermessung als Grundlage aller weiteren Planungen beginnt.

Oktober 2014: Fachleute entnehmen Materialproben am Stahl und analysieren sie.

8. Dezember 2014: Denkmalschützer des Landes äußern bei einem Gespräch den Wunsch, dass einer Sanierung und Instandsetzung der Fechinger Brücke nach Möglichkeit der Vorzug gegenüber einem Ersatzneubau gegeben wird.

28. April 2015: Das Bad Kreuznacher Ingenieurbüro Verheyen wird beauftragt, in einer Machbarkeitsstudie die Möglichkeit einer Verstärkung der Fechinger Talbrücke zu untersuchen. Parallel soll untersucht werden, ob angesichts der langen Planungszeit vorab bereits Ad-hoc-Verstärkungen erforderlich sind.

10. November 2015: Im Entwurf der Verheyen-Machbarkeitsstudie weisen die Fachleute auf statisch bedenkliche Mängel der Talbrücke hin. Das Ingenieurbüro will die eigenen Ergebnisse für die Stützpfeiler erneut überprüfen.

16. Dezember 2015: Das Ingenieurbüro Verheyen legt seinen Schlussbericht vor. Die Experten sehen große Defizite in einer Stütze und daher akuten Handlungsbedarf. Der LfS leitet Sofortmaßnahmen ein:Sperrung der Standstreifen, Überholverbot und Abstandsgebot für LkwBeauftragung des Kaiserslauterer Ingenieurbüros BORAPA (22. Dezember 2015), um die Verheyen-Ergebnisse nachprüfen zu lassen. Das LfS entscheidet sich für diesen Schritt, weil sich an der Sulzbachtalbrücke der A8 eine Lastbeschränkung zuvor als nicht notwendig herausgestellt hatte. Dieses zweite Gutachten sollte auch klären, wie die Brücke schnell verstärkt werden kann, damit sie bis zur Inbetriebnahme eines Ersatzneubaus genutzt werden kann.Verformungsmessungen an den Stahlstützen (31. Januar 2016). Ergebnis: keine Verformungen, die die Standsicherheit in Frage gestellt hätten.Pfeilerbegehung (2. März 2016). Bei einer Überprüfung wird festgestellt, dass die alten Baupläne mit der tatsächlichen Bausubstanz übereinstimmen.
24. März 2016: Bei einer abschließenden Besprechung mit dem Verkehrsministerium stellen die Ingenieurbüros Verheyen und BORAPA ihre Ergebnisse vor. Ergebnis: Die im Dezember getroffenen Ad-hoc-Maßnahmen reichen nicht aus, das Ministerium ordnet eine sofortige Vollsperrung der Fechinger Talbrücke an.

CDU: Talbrücke sofort neu bauen

Opposition sieht weitere Ungereimtheiten und fordert schnelle Aufklärung

Von allen Seiten hagelt es Kritik: Die CDU nennt eine Bauzeit für eine neue Brücke von mehreren Jahren "unambitioniert", die Opposition wirft dem Landes- betrieb für Straßenbau vor, wertvolle Zeit vertan zu haben.

Die Diskussion über Konsequenzen aus der Vollsperrung der Fechinger Talbrücke bestimmt inzwischen den Parteienstreit. Die CDU forderte, umgehend mit dem Abriss der Brücke zu beginnen und anschließend den Neubau in Angriff zu nehmen. "Warum beschäftigt sich der Landesbetrieb für Straßenbau nicht ernsthaft mit der Alternative des sofortigen Ersatzneubaus?", sagte der Saarbrücker CDU-Chef Peter Strobel . Das Argument "Planfeststellungsverfahren " sei vorgeschoben, da dieses Verfahren überhaupt nicht erforderlich sei. Namhafte Experten hätten aufgezeigt, dass der Ersatzneubau unmittelbar machbar sei, so Strobel. "Eine vom LfS veranschlagte reine Bauzeit von mindestens drei Jahren darf gelinde gesagt als unambitioniert bezeichnet werden, wenn man sich vor Augen führt, dass die Brücke mit den damaligen technischen Möglichkeiten im Jahr 1963 in gerade einmal 22 Monaten gebaut worden ist." Nun von einer insgesamt acht Jahre dauernden Umsetzung zu sprechen, sei "geradezu peinlich", sagte Strobel.

Die Opposition sieht weitere Umgereimtheiten und drängt die Landesregierung zu einer umfassenden Aufklärung. Der Linken-Abgeordnete Heinz Bierbaum erklärte am Freitag, die Landesregierungen der letzten Jahre seien bei der Sanierung von Brücken und Straßen überfordert. Anders sei nicht zu erklären, wieso der schlechte statische Zustand der Talbrücke seit sechs Jahren bekannt sei und noch immer keine brauchbaren Planungen für den Neubau vorlägen. Laut Verkehrsministerium fiel intern bereits 2012 die Entscheidung für einen Ersatzneubau der Fechinger Talbrücke.

Grünen-Landeschef Hubert Ulrich erklärte: "Wären damals bereits die erforderlichen Planungen in Angriff genommen worden, könnte das Planfeststellungsverfahren schon abgeschlossen sein und der Bau beginnen. So hat man offenbar wertvolle Zeit vertan und das sich jetzt abzeichnende jahrelang andauernde Verkehrschaos in Kauf genommen." Ulrich forderte, umgehend die Ad-hoc-Instandsetzung der Brücke wenigstens für die einstreifige Nutzung durch Autos durchzuführen und schnellstmöglich die planerischen, rechtlichen und finanziellen Voraussetzungen für einen Ersatzneubau der Talbrücke zu schaffen.

Auch FDP-Landeschef Oliver Luksic warf die Frage auf, warum nicht schon vor Jahren gehandelt worden sei. Auch habe der LfS bereits 2013 öffentlich mangelnde Personalkapazitäten für Planungen beklagt, die Landesregierung habe den Hilferuf aber nicht gehört. Verkehrsministerin Anke Rehlinger (SPD ) und Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU ) müssten "die Fakten klar auf den Tisch legen". Er warf der Landesregierung Vertuschung vor. Das Brückendesaster sei "weniger ein Finanzproblem, sondern vielmehr ein Politikversagen im Saarland".