Wer weiß, was in 15 Jahren ist . . .

Das Saarbrücker Kino Achteinhalb wurde kürzlich vom Kinemathekenverbund in Berlin ausgezeichnet für sein „unverwechselbares Profil“. In der Saarbrücker Politik kommt derweil ein alter Vorschlag wieder auf den Tisch: Das Filmhaus und das Achteinhalb sollten enger zusammenarbeiten. SZ-Redakteurin Susanne Brenner wollte von den Kinomachern Ingrid Kraus und Waldemar Spallek wissen, wie sie arbeiten und was sie von dem Vorschlag halten.

Der Preis des Kinemathekverbundes war verbunden mit einem großen Lob für Ihre Arbeit. Mit vielen spannenden Programm-Reihen fällt das Achteinhalb positiv auf. Worauf legen Sie selbst am meisten Gewicht?

Ingrid Kraus: Wichtig sind uns thematische und historische Filmreihen, damit unsere Zuschauer die einzelnen Filme in einem großen Zusammenhang wahrnehmen können. Und auf die Vermittlung der Filme an das Publikum legen wir Wert. Deswegen begleiten wir Filmvorführungen mit Vorträgen, Diskussionen, Lesungen und Konzerten. Allein 2012 hatten wir 93 Referenten. Wir begreifen das Kino als Ort der Kommunikation. Waldemar Spallek: Auch die formatgerechte Vorführung der Filme mit modernster Technik ist uns wichtig. Deswegen haben wir auch dieses Jahr in eine neue digitale Projektionsanlage investiert.

Seit Bestehen des Kinos haben Sie eigentlich immer ums finanzielle Überleben gekämpft. In den letzten Jahren war es etwas ruhiger geworden. Wie sieht aktuell die finanzielle Basis des Kinos aus? Wer schießt was zu?

Wir erhalten je 60 000 Euro Zuschuss von der Stadt Saarbrücken und vom Land. Davon bezahlen wir vier feste Stellen. Alle Sachkosten müssen wir selbst finanzieren - über Eintrittskarten, Spenden, Zuwendungen von Kooperationspartnern usw.

Ingrid Kraus: Unsere Gehälter sind seit 2006 nicht gestiegen. Wir möchten aber nicht in der Öffentlichkeit jammern, sondern wir möchten auf Qualität und Effizienz unserer Arbeit und die Grenzen der persönlichen Belastbarkeit hinweisen.

Sie kooperieren mit ganz unterschiedlichen Organisationen, seit ein paar Jahren besonders intensiv mit Universität und Kunsthochschule. Man hat den Eindruck, dass diese Zusammenarbeit - die auch der Kinemathekverbund extra lobte - ein besonderes Gewicht bekommen hat. Woran liegt das?

Waldemar Spallek: Die Neuen Medien und das kurzfristige Erscheinen der neuen Filme im Internet oder auf DVD haben vieles verändert. Wir müssen noch intensiver Zielgruppen bewerben und immer wieder neues Publikum für das Kino gewinnen. Die Hochschulen bringen uns erstens Studierende, also junges, intellektuelles Publikum, das bereit ist, sich mit dem Medium Film auseinanderzusetzen. Und die wissenschaftlichen Einführungen der Uni-Wissenschaftler ziehen nochmal zusätzliche Zuschauer ins Kino.

Alle Jahre wieder kommt vom Saarbrücker Stadtrat die Anfrage, eine engere Zusammenarbeit von Achteinhalb und Filmhaus zu prüfen. Was hätte eine solche Zusammenarbeit für das Achteinhalb für einen Nutzen? Macht das überhaupt Sinn? Gäbe es da gar Sparpotenzial - denn das ist ja wahrscheinlich der Hintergedanke bei der Idee.

Ingrid Kraus: Die Zusammenarbeit mit dem Filmhaus könnte die Programmgestaltung der beiden Kinos besser koordinieren und damit unnötige Wettrennen um neue Filme vermeiden. Es könnten zusätzliche Veranstaltungsreihen oder Festivals generiert werden, die gemeinsam organisiert würden und in beiden Häusern stattfänden. Die Zusammenarbeit der beiden Spielstätten brächte jedoch keine ersichtlichen Spareffekte.

Waldemar Spallek: Diese Tatsache haben wir den Vertretern des Stadtrates schon mehrmals erklärt. Der Vorschlag wird jedoch ständig wiederholt, weil die Politiker beide Kinos schätzen, beide erhalten möchten und ständig nach Sparpotenzial suchen. Für uns ist das ein Zeichen der Ratlosigkeit. Wenn die Vielfalt und die Qualität des Filmangebots im kulturellen Bereich erhalten bleiben sollen, müssen für beide Kinos langfristige Finanzierungen garantiert werden. Es stellt sich eher die Frage nach den Strukturen: Braucht Saarbrücken ein Amt für kommunale Filmarbeit für ein Kino?

Das Achteinhalb wird seit Jahrzehnten getragen vom Einsatz eines kleinen Teams. Sie werden aber alle nicht jünger. Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Sind junge Leute in Sicht, die ähnlich selbstlos und oft genug am persönlichen finanziellen Limit für die Kino-Idee brennen?

Ingrid Kraus: Der Verein, der als Träger des Kinos unsere Arbeit ehrenamtlich unterstützt, besteht aus 37 Mitgliedern. Das sind doppelt so viele wie vor zehn Jahren, darunter viele Studenten und Studentinnen. Sie verkaufen nicht nur Eintrittskarten, sie diskutieren auch Programmfragen und konzipieren einige Filmreihen wie "Meilensteine der Filmgeschichte" oder "Vollmondfilme". Das zeigt uns reges Interesse an der kulturellen Kinoarbeit. Deswegen sind wir optimistisch, was den Nachwuchs betrifft.

Waldemar Spallek: Die Frage, ob das Engagement der jungen Leute, die nach uns das Kino führen werden, trotz schlechter Bezahlung und großer Belastung lange anhält, ist heute schwer zu beantworten. Natürlich, wer viel verdienen möchte, sucht keine Stelle im Kulturbereich, aber leben sollte man davon können.

Ingrid Kraus: Entscheidend für das Überleben solcher Kinos wie das Achteinhalb werden für die nächsten 15 Jahre die Entwicklung der Medien- und Filmrezeption sein und die Frage nach dem Stellenwert der Kultur und des Films als Kunst in der Gesellschaft - und die daraus resultierenden politischen Entscheidungen.

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Auf einen BlickDas hauptamtliche Team des Kinos Achteinhalb:Ingrid Kraus, gebürtige Pirmasenserin und studierte Soziologin, gehörte 1990 zum Gründungsteam des Achteinhalb. Sie kümmert sich heute um Geschäftsführung, Programmgestaltung, Layout, Grafik und Buchführung.Waldemar Spallek ist im schlesischen Kolonowskie in Polen geboren und studierter Kultur- und Filmwissenschaftler. Er emigrierte 1988 nach Deutschland. Seit 1990 ist er, zunächst ehrenamtlich, beim Kino Achteinhalb und kümmert sich heute um Geschäftsführung, Projektfinanzierung, Programmgestaltung, Filmrecherche und Filmbestellung.Gerd Meyer ist Saarbrücker, hat hier BWL studiert und sich zum Werbefachmann ausgebildet. Seit 2004 ist er beim Achteinhalb und kümmert sich um Presseinformation, Internetauftritt, Veranstaltungsabrechnung, Sekretariat.Theo Wülfing stammt aus Borken in Westfalen, ist ausgebildeter Gärtner, Tänzer und Heilpraktiker und ist seit 2012 im Kino Achteinhalb mit Vorführung, Kinotechnik, Kinder- und Jugendkino, Außenwerbung betraut. red

Das hauptamtliche Team: Theo Wülfing, Waldemar Spallek, Ingrid Kraus und Gerd Meyer. Foto: Sadija Kavgic-van Weert. Foto: Sadija Kavgic-van Weert
Lang ist's her: Die Achteinhalb-Mannschaft von 1994. Bereits dabei: Ingrid Kraus und Waldemar Spallek (Mitte vorn). Foto: FAP. Foto: FAP
Der Namensgeber: Nach Federico Fellinis gleichnamigem Filmklassiker hat sich das Kino Achteinhalb benannt. Foto: SZ-Archiv. Foto: SZ-Archiv

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HintergrundDas Kino Achteinhalb wurde 2013 mit dem 1. Preis des Kinemathekenverbundes in der Kategorie "Kommunales und soziales Engagement vor Ort" ausgezeichnet. Den mit 3000 Euro dotierten Preis erhielten die Kinomacher für ihr "unverwechselbares Profil", das das Achteinhalb "zu einem Ort des gemeinsamen Austausches" mache, so die Jury. Der Verband lobte das Kino als "einen Ort, an dem man fragt und hinterfragt".

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