Wenn Peer Gynt über Grenzen geht

Deutsche und französische Schüler erarbeiteten gemeinsam ein Theaterstück. Am Sonntag wurde es mit großem Erfolg in Forbach präsentiert. Das außergewöhnliche Schultheater wurde im Rahmen des grenzüberschreitenden Kulturprojekts Artbrücken initiiert und soll fortgesetzt werden.

Eine Partygesellschaft tummelt sich in festlich-schwarzer Kleidung auf der Studiobühne der Forbacher Nationalbühne Le Carreau. Zu orientalischen Klängen tanzt man sich allmählich in Stimmung. Plötzlich stürzt ein junger Mann auf die Bühne und schreit fassungslos mehrmals hintereinander: "Elle est parti! (Sie ist weg!)".

Erst allmählich lässt sich für den Zuschauer erschließen, was hier passiert ist: Der junge Mann wollte Hochzeit feiern und nun ist seine Ingrid verschwunden mit einem gewissen Peer. "Verité! (Wahrheit)" fordern nun die Gäste unisono, machtvoll wie ein griechischer Tragödienchor.

Szenenwechsel: Ein junger Mann in Richterrobe setzt sich in die erste Reihe der Publikumstribüne und ruft einen Hochzeitsgast als Zeugin auf. Wieder fällt der Groschen erst nach einigen Sekunden: Aha, jetzt macht das Dorf der Braut den Prozess! Klären soll der, ob sie mit Peer durchbrannte oder vom ihm entführt wurde.

Spannend wie einen Krimi haben Nicholas Marchand und Thomas Gourdy das szenische Ergebnis ihres deutsch-französischen Theaterworkshops inszeniert. An dem Workshop beteiligten sich sechs Elftklässler der Saarbrücker Gemeinschaftsschule Rastbachtal und 26 Gleichaltrige des Creutzwalder Lycée Félix Mayer, das eine traditionsreiche Theater AG hat. Mit diesem Workshop haben die beiden Schulen erstmals grenzüberschreitend zusammengearbeitet. Ermöglicht hat dies das Projekt Artbrücken, das Theater-Kooperationen über die Grenze fördern soll.

Organisatorisch ist das nicht immer einfach: An acht Wochenenden haben die beiden französischen Regisseure mit den Gruppen getrennt in Creutzwald und Saarbrücken geprobt, nur an zwei Wochenenden gemeinsam. Um so erstaunlicher das Ergebnis: Das Zusammenspiel der 32 Akteure auf der Bühne klappte am Sonntag wie am Schnürchen.

Doch worum geht es überhaupt in dem selbst kreierten Stück, dem man seltsamerweise keinen Titel gab? Ibsens Drama Peer Gynt, erklärt Regisseur Marchand, diente den beiden Gruppen als Grundlage für Improvisationen und Reflexionen - auch über Werte, die ihnen wichtiger als die von Peer über alles gestellte Freiheit sind. Die Idee, die Wahrheit über das Verschwinden der Braut durch einen Gerichtsprozess herauszufinden, hätten die Schüler selbst entwickelt, so Marchand. Das Praktische daran: Fast alle 32 Akteure erhalten so als Zeugen einen Einzelauftritt, live und als Videoeinspielung - jeweils in ihrer Muttersprache. Ihre Aussagen aber sind so widersprüchlich, dass die Wahrheit nicht zu klären ist. Viel Applaus für das gelungene Experiment, dessen Teilnehmer nun hoffen: Fortsetzung folgt.